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Der Norden Landesbischof: „Ich wünschte mir mehr Weitsicht“
Nachrichten Der Norden Landesbischof: „Ich wünschte mir mehr Weitsicht“
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00:15 26.12.2012
Ralf Meister steht seit März 2011 an der Spitze der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover.
Ralf Meister steht seit März 2011 an der Spitze der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover. Quelle: Emine Akbaba
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Hannover

Herr Landesbischof, Weihnachten ist ein polarisierendes Fest, die einen finden es toll, anderen geht es an die Nerven. Welchen seelsorgerlichen Rat geben Sie einem Weihnachtfestmuffel?

Er ist nicht allein - ich habe einen guten Freund, der kann mit Weihnachten auch wenig anfangen und ist Pastor. Therapeutisch ist für ihn wichtig, dass er die Weihnachtsgottesdienste feiert und in den Predigten eine persönliche Auslegung findet, die nicht in Klischees erstarrt.

Kann man Pastor sein und Weihnachten hassen?

Nein hassen nicht, aber man darf auch einen schwierigen Zugang zu diesem Fest haben. Das ist aber nicht ungewöhnlich. Denn historisch ist Weihnachten ein sehr spätes Fest. Man hat zwei bis drei Jahrhunderte gebraucht, um dieses Fest zu verankern, während es bei Ostern nur wenige Jahrzehnte brauchte. Mir geht es übrigens umgekehrt. Ich liebe den Advent und finde die Kritik daran eher langweilig, weil sie sich immer wiederholt. Kaufrausch, Konsumrausch, Sie kennen die Stichworte. Ich erlebe die Weihnachtsgottesdienste als große geistliche Gemeinschaft.

Gibt es eine zentrale Botschaft?

Die Bilder der Weihnachtsgeschichte sind stark. Da ist das Fluchtmotiv oder die Patchwork-Familie im Stall. Es gibt eine Menge Motive für die Prediger am Heiligabend, um das Kommen Gottes zu den Menschen zu verkündigen.

Stichwort: Flucht. Die Kirchen sind in jüngster Zeit immer wieder mit der Landesregierung aneinandergeraten wegen der Flüchtlingspolitik.

Ja, aber da sehe ich in jüngster Zeit Bewegung. Wir als Kirchen sind bewusst in der Härtefallkommission geblieben, weil auch die Landesregierung Initiativen gestartet hat, die wir begrüßen. Etwa, dass lange hier lebende Jugendliche aus Migrantenfamilien einen richtigen Aufenthaltsstatus bekommen. Auch in einigen humanitären Einzelfällen gibt es eine positive Entwicklung, etwa bei Gazale Salame. Wir wünschen uns aber, dass es grundsätzlich unmöglich wird, Familien auseinanderzureißen.

Vor einem Jahr hat Innenminister Uwe Schünemann die Familie Nguyen erst nach Vietnam ausfliegen und sie dann, kurz vor Weihnachten, wieder zurückholen lassen. Jetzt soll Gazale Salame aus der Türkei wieder zurückkommen dürfen, kurz vor der Landtagswahl eingefädelt. Ist das nicht zu billig?

Wenn Menschen geholfen wird, wird Menschen geholfen - das ist das Entscheidende. Mir ist die Motivlage nicht so wichtig. Entscheidend ist die konkrete Hilfe für Menschen.

Wenn Jesus heute auf die Welt käme, wo würde er stehen? Bei Attac und gegen die Hochfinanz?

What would Jesus do, what would Jesus say? Diese Frage wird immer wieder gestellt und ist wichtig. Zwischenrufe in der Frage der sozialen Gerechtigkeit sind notwendig. Ich habe neulich eine Studie gelesen, wie sich die Einkommenssituation in Deutschland entwickelt. Wird der Mittelstand geschwächt oder nicht - da sind sich die Experten etwas uneins. Aber wo man sich völlig einig ist, ist dass es sich bei denjenigen, die zulegen, um eine relativ kleine Elite handelt. Sicher wird es Interventionen geben müssen, um das fairer auszugleichen. Aber ob es dafür eine neue Steuer geben muss? Steuern ersetzen nicht Haltung, Ethos und Instinkt für soziale Gerechtigkeit.

Haben Sie einen Wunsch an die Politik?

Mehr Weitsicht! Die Politik orientiert sich sowohl im Land als auch im Bund zu sehr am nächsten Wahltermin.

Interview: Michael B. Berger