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Der Norden „Theater! Das ist toll, das könnte ich“
Nachrichten Der Norden „Theater! Das ist toll, das könnte ich“
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08:04 24.11.2015
Von Stefan Knopf
„Die Zeilen fließen nur so aus meiner Feder“: Der arbeitslose Geograf Bernd Honig entdeckt durch einen Zufall sein Schreibtalent. Quelle: Sonja Paar
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Kiel
Bernd Honig (5 MB)

Arbeitslos, ausgegrenzt: keine Chance auf einen Job. Jedenfalls dann, wenn man schon 60 Lenze auf seinem Buckel hat. Nun war ich in den Hartz-IV-Bezug gerutscht. Da sind die Chancen, wieder in Arbeit zu kommen, realistisch gesehen gleich null.

Missmutig, niedergeschlagen und frustriert marschiere ich zum Jobcenter, das für mich zuständig ist. Wo gibt es schon eine Arbeitsstelle für einen Geografen, der zwar seine Füße schon auf alle Erdteile gesetzt hat, vier oder fünf Sprachen einigermaßen flüssig beherrscht, aber sonst eigentlich nichts kann? Zumindest nach Jobcenter-Logik.

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Die Computer, die einem die Arbeitsangebote aussuchen, sind halt dumm. Sie spucken lediglich Offerten aus, die nach ein oder zwei Begriffen sortiert sind. Ich könnte auch andere Dinge: Berichte und Zeitungsartikel schreiben, Flüchtlingen Sprachunterricht erteilen und vieles mehr. Aber dazu fehlen mir die nötigen Papiere aus Lehre und Studium - jedenfalls nach der Logik des Computers. Auch wenn mir das eher unlogisch erscheint.

Gerade will ich im Kieler Jobcenter die Treppe hochgehen und eine Wartenummer ziehen, da erspähe ich in meinem Augenwinkel ein Plakat. Es geht um Theater für Arbeitslose. Das ist toll, das könnte ich! Als ich meiner Integrationsfachkraft (so technokratisch heißen Arbeitsvermittler neuerdings) davon berichte, stimmt die nette Dame zu: „Ja, das wäre was für Sie.“ So wurde es meine Aufgabe, ein Theaterstück zum Thema Hartz IV zu schreiben.

Die Dialoge fließen nur so aus meiner Feder

Zu Hause setze ich mich sogleich an meinen Schreibtisch. Die Zeilen, die Dialoge fließen nur so aus meiner Feder. Das Stück handelt von Flaschensammlern. Sie bestreiten ihren Lebensunterhalt mit dem Sammeln von Pfandflaschen und -dosen. Meistens ganz genau geplant und mit fester Laufroute, mit „guten“ Abfalleimern und Mülltonnen. Habe ich auch schon gemacht - als Hartz-IV-Aufbesserung sozusagen.

In dem Stück bekennt sich ein Flaschensammler zu seiner Situation und seiner Lebenslage. Sein Bekannter ziert sich, hält die Maske seiner Bürgerlichkeit aufrecht, traut sich nicht, „Pfandobjekte“ zu sammeln, obwohl er das gerne möchte. Ist ja bares Geld, das auf der Straße oder im Müll liegt. Aber die Nachbarn könnten ihn sehen. Der schöne Schein wäre dahin.

Letztlich überredet der bekennende Flaschensammler seinen Kumpel doch. Beide ziehen gemeinsam los. Und über die hämisch-verächtlichen Blicke und Bemerkungen einiger Besserwisser, wie man nur so tief fallen und Flaschen aus dem Dreck sammeln könne, haben beide nur ein Über-den-Dingen-stehen-Lächeln übrig.

So wurde ich - und das ist meine gute Nachricht 2015 - vom Hartz-IV-Empfänger zum Stückeschreiber. Ich fühle mich gut dabei, auch wenn es für meine Autorenschaft kein Geld gibt. Mitstreiter in dem Projekt haben mein Stück vor Kurzem, ergänzt durch weitere Szenen, in einem Laientheater auf die Bühne gebracht.

Und ich hoffe, im nächsten Jahr einen Job, der meinen Fähigkeiten, Interessen und Sprachkenntnissen entspricht, zu finden. Das wäre ein großartiges Weihnachtsgeschenk für mich. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht klappen sollte!

Aufgezeichnet von Carola Jeschke

"Meine gute Nachricht des Jahres 2015"

Die HAZ stellt zusammen mit NDR Info, den „Kieler Nachrichten“, der „Ostsee-Zeitung“ und dem Hamburger Abendblatt sechs gute Nachrichten aus diesem Jahr vor. Hier finden Sie nach und nach alle Teile im Überblick. 

Wiebke Ramm 23.11.2015
Ulrich Schubert 23.11.2015
Isabell Rollenhagen 23.11.2015