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Der Norden Neue Anklage gegen Niels H. wegen 97 weiterer Todesfälle
Nachrichten Der Norden Neue Anklage gegen Niels H. wegen 97 weiterer Todesfälle
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22:45 22.01.2018
Neue Anklage: Niels H. – hier bei einem früheren Verfahren  – soll für weitere 97 Todesfälle verantwortlich sein.
Neue Anklage: Niels H. – hier bei einem früheren Verfahren  – soll für weitere 97 Todesfälle verantwortlich sein. Quelle: dpa
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Delmenhorst

  Die Ermittler sprechen schon lange von einer der schlimmsten Mordserien der Nachkriegszeit in Deutschland. Nun hat die Staatsanwaltschaft Oldenburg den bereits wegen Mordes verurteilten Krankenpfleger Niels H. für 97 weitere mutmaßliche Taten angeklagt. In Wahrheit könnten es noch mehr sein. Mehr als 100 mögliche Opfer des Todespflegers wurden eingeäschert. Ihre Leichen konnten in den vergangenen Monaten daher nicht mehr untersucht werden.

Niels H. tat das auch „aus Langeweile“

Doch auch so erscheint das Ausmaß der Taten des heute 41-Jährigen monströs: Der sogenannte Todespfleger soll am Klinikum Delmenhorst weitere 62 Patienten und am Klinikum Oldenburg 35 Patienten getötet haben. Er habe seinen Opfern Medikamente gespritzt, die „nicht im Rahmen der Therapie verordnet waren“ und unter anderem lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen verursachten, sagte der Oldenburger Oberstaatsanwalt Martin Koziolek. H. tat das nach Überzeugung der Ermittler, „um seine Fähigkeiten im Bereich der Reanimation gegenüber Kollegen und Vorgesetzten präsentieren zu können und um seine Langeweile zu bekämpfen“. In allen Fällen habe er zumindest billigend inkauf genommen, dass die Patienten sterben könnten. Das Landgericht Oldenburg muss nun über die Eröffnung des Hauptverfahrens entscheiden.

Sollte H. erneut verurteilt werden, hat das kaum Einfluss auf seine Gefängnisstrafe. H. ist wegen sechs Taten bereits zu lebenslanger Haft verurteilt. Außerdem stellte das Gericht 2015 die besondere Schwere der Schuld fest. H. hat darum kaum Aussicht, vorzeitig aus der Haft entlassen zu werden. „Das Ergebnis wird sich dadurch kaum ändern“, sagte Koziolek. 

„Wichtig für die Familien der Opfer“

Dennoch sei die neuerliche Anklage wichtig, sagte der Oberstaatsanwalt: „Wir leisten in einer risiegen Anzahl von Fällen Aufklärung für die Angehörigen der Opfer. Die Familien wollen wissen, was mit ihren Angehörigen passiert ist. Der Prozess wird weitere Aufklärung leisten.“

Das Verfahren gegen H. könnte zudem weitere Erkenntnisse für die Ermittlungen gegen die Verantwortlichen im Klinikum Oldenburg liefern. Die Ermittlungen gegen Vorgesetzte von H. im Oldenburger Klinikum laufen derzeit noch. Gegen wen konkret sich die Ermittlungen richten, wollte Koziolek nicht sagen. „Da sind wir noch nicht so weit.“ 

Sechs Verantwortliche im Klinikum Delmehorst warten derzeit auf ihren Prozess. In drei Fällen hat das Landgericht das Verfahren bereits eröffnet. Zwei frühere Oberärzte und der Leiter der Intensivstation am Klinikum Delmenhorst sollen sich wegen Totschlags druch Unterlassen verantworten, weil sie laut Anklage drei Morde und zwei Mordversuche H.s nicht verhinderten, obwohl sie die Taten für möglich hielten. In drei Fällen wurde die Anklage gegen Pfleger-Kollegen in Delmenorst abgelehnt, da sie sich aktiv bemüht haben sollen, Niels H. Tötungen nachzuweisen. Die Staatsanwaltschaft hat Beschwerde dagegen eingereicht. Bis darüber das Oberlandesgericht entschieden hat, ruht das Verfahren insgesamt.   

Von Karl Doeleke

22.01.2018
21.01.2018