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Der Norden Papst hatte Studentenbude in Rothenburg
Nachrichten Der Norden Papst hatte Studentenbude in Rothenburg
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10:08 04.08.2013
Priester Jorge Mario Bergoglio, der eigentliche Name von Papst Franziskus, ist in einem Fotoalbum und einem Kalender von 1986 sowie auf einer Postkarte von Frieda Pester zu lesen. Quelle: dpa
Rothenburg

Akribisch und in gut lesbarer Handschrift notierte Erwin Pester am 4. August 1986 in seinen Tischkalender: „Priester von Argentinien“. Der junge Südamerikaner hatte an dem Tag sein neun Quadratmeter großes Zimmer im Erdgeschoss des Hauses Pester in der Judengasse 27 in Rothenburg ob der Tauber bezogen. Der inzwischen gestorbene Rothenburger Familienvater hatte über jeden seiner Untermieter penibel Buch geführt.

Für Erwin Pester und seine Frau Frieda war die Ankunft des jungen, schlicht gekleideten Geistlichen aus dem fernen Lateinamerika an diesem August-Montag nichts Ungewöhnliches. Denn als Vermieter von zwei Zimmern für Stipendiaten des örtlichen Goethe-Instituts gehörten Gäste aus der aller Welt zu ihrem Alltag.

Und trotzdem war dieses Mal alles anders als sonst - was die Pesters aber erst viel später erfuhren. Denn das bescheidene Zimmer mit Außenbad und Gemeinschaftsküche hatte im Herbst 1986 kein Geringerer als Jorge Mario Bergoglio für neun Wochen bewohnt - der heutige Papst Franziskus.

Umso überraschter waren die Pesters später, als bei der Papstwahl 2005 auf einmal der zum Bischof von Buenos Aires aufgestiegene Bergoglio als künftiger Oberhirte gehandelt wurde. Als das Konklave ihn in diesem Frühjahr schließlich auf den Heiligen Stuhl hob, konnte es die Familie kaum fassen. Sohn Walter Pester hatte von der Wahl Bergoglios aus dem Autoradio erfahren und seine noch ahnungslose Mutter sofort aufgeregt angerufen: „Du, hast Du schon gehört, unser Bergoglio ist der neue Papst.“

„Unser Bergolio“ - die heute 90 Jahre alte Frieda Pester erinnert sich trotz ihres hohen Alters noch gut an ihn. „Sehr groß war er, freundlich und sehr angenehm“, erzählt die Rentnerin, die seit knapp zwei Jahren in einem Rothenburger Seniorenheim lebt. „Es gab immer Unterhaltungen über alles mögliche.“ Eines weiß sie noch genau: „Sein Zimmer war ordentlich aufgeräumt“. Das habe man keineswegs von allen Goethe-Studenten sagen können.

Für die gut erhaltene ehemalige Reichsstadt habe sich der junge argentinische Priester sehr interessiert, berichtet die Rentnerin. Bücher und Informationsbroschüren über Rothenburg habe er gerne von ihrem Mann angenommen. Mehrfach habe dieser dem jungen Bergoglio den mittelalterlichen Stadtkern gezeigt, in dem auch das Pester-Haus steht.

Große Ansprüche hatte Bergoglio, der 1986 auch eine Zeit an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt/Main verbrachte, bei seinem Aufenthalt in Franken nicht. Als Erwin Pester dem damals immerhin schon 50-jährigen Theologen das einfach möblierte Zimmer zeigte und meinte, es sei halt nicht sehr groß, habe Bergolio geantwortet: „Raum ist in der kleinsten Hütte.“ Beobachtet hat Frieda Pester manchmal, wie der Priester eine Kerze auf dem Tisch vor dem Fenster entzündete und eine stille Messe abhielt.

Von Bergoglios einstiger Studentenbude ist heute allerdings nur noch wenig zu sehen. Die beiden Pester-Söhne haben nach dem Auszug der Mutter das in der Judengasse leicht zurückgesetzte Haus entrümpelt. Dabei fanden sie in einer älteren Bibel ihrer Eltern eine Ansichtskarte, die Bergoglio seinen früheren Vermietern zu Ostern 1987 aus Buenos Aires geschickt hatte. In leserlicher Tintenschrift schreibt Bergoglio: „Ich erinnere mich gern an die Tage, die ich bei Ihnen verbracht habe. Ich wünsche Ihnen frohe Ostern! Ich bete für Sie; beten Sie für mich!“

Inzwischen interessieren sich in Rothenburg auch immer mehr Touristen für das Haus, berichtet Walter Pester. Einige Fremdenführer bauten in ihren Rundgang einen Abstecher in die Judengasse ein. Das Fremdenverkehrsbüro gibt sich dennoch zurückhaltend. „Im Moment istnicht daran gedacht, das Haus als Sehenswürdigkeit auszuweisen“, sagt der stellvertretende Verkehrsdirektor Johann Kempter. Zu groß sei die Sorge, es könnten dort dauernd Leute klingeln, die das einstige Papstzimmer sehen wollten.

dpa

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