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Der Norden Ein fataler Schuss
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00:15 03.05.2014
Von Karl Doeleke
Der Angeklagte Ernst B. erscheint im Schwurgericht Stade. Quelle: dpa
Stade

Ihr Mandant sei schwer traumatisiert, hatte der Verteidiger argumentiert. Durch den Prozess werde der Mann weiteren gesundheitlichen Schaden erleiden. Der 80-Jährige sei verhandlungsfähig, entschied dagegen das Gericht. Ernst B. brach auch am zweiten Verhandlungstag immer wieder in Tränen aus.

Es ist ein besonderes und kompliziertes Verfahren. Der Angeklagte sei zugleich Opfer, wie sein Verteidiger betonte. Die Staatsanwaltschaft Stade wirft Ernst B. Totschlag vor. Der 80-Jährige hatte nach einem Überfall in seinem Haus in Sittensen am 13. Dezember 2010 den damals 16-Jährigen Laminot S. in den Rücken geschossen. Der Jugendliche war binnen weniger Minuten im Garten des wohlhabenden Rentners gestorben. Vor der 2. großen Strafkammer in Stade ist nun die entscheidende Frage: Durfte Ernst B. den flüchtenden Räuber erschießen, ist die Tat durch Notwehr gerechtfertigt?

Der getötete 16-Jährige hatte vor dreieinhalb Jahren gemeinsam mit vier Komplizen den an Krücken gehenden Mann in seinem Garten überfallen, als der Jäger seinen Hund füttern ging. Sie hatten aus dem Rotlichtmilieu einen Tipp bekommen, dass bei Ernst B. Millionen zu holen seien. Die fünf Täter drängten Ernst B. zurück in sein Haus, verlangten den Tresorschlüssel, nahmen Geld und Schmuck an sich. Als die Alarmanlage auslöste, überschlugen sich die Ereignisse: Die Täter flüchteten und der fatale Schuss fiel. Laminot S. starb, seine vier Komplizen stellten sich später. Sie wurden in der Zwischenzeit wegen Raubes zu langjährigen Haftstrafen verurteilt.

Jetzt soll über Ernst B. Recht gesprochen werden. Nachdem entschieden war, dass der Prozess stattfinden würde, verlas der Verteidiger eine Erklärung des Angeklagten: An die Eltern, Geschwister und Verwandten des 16-Jährigen gerichtet, ließ Ernst B. erklären: "Es tut mir sehr leid. Ich habe den Tod niemals gewollt." Die Verwandten nehmen als Nebenkläger am Prozess teil.

Der 80-Jährige bricht immer wieder in Tränen aus, während der Anwalt die Erklärung verliest. Er hält sich das Taschentuch vor das Gesicht, der zusammengesunkene Körper zittert. Sein Mandant sei tief erschüttert, erklärt der Verteidiger. Er habe während des Raubes Todesängste erlitten, da er am Morgen noch von einer ähnlichen Tat in der Zeitung gelesen hatte, die tödlich endete. "Ich erwartete das Schlimmste und sah mein Ende kommen." Ihm gehe es seit der Tat sehr schlecht. Er sei zermürbt, psychisch am Ende und leide unter Alpträumen.

Kann man einem so gezeichneten Mann ein so kompliziertes Totschlagsverfahren zumuten, das schon seit Jahren läuft? Ein Sachverständigengutachten sagt: ja. Die Staatsanwaltschaft Stade hatte ihre Ermittlungen mit dem Hinweis auf Notwehr 2011 zunächst eingestellt. Dagegen hatte die Familie des getöteten 16-Jährigen Beschwerde eingelegt. Das Verfahren wurde neu aufgerollt, Ernst B. angeklagt. Das Landgericht Stade lehnte die Eröffnung des Hauptverfahrens ab. Wieder legten die Angehörigen Beschwerde ein, und das OLG Celle entschied: Das Landgericht Stade muss verhandeln.

Das wird es jetzt, wo auch die Verhandlungsfähigkeit des Mannes festgestellt ist, tun - allerdings in sehr kleinen Schritten. Das Gericht wird höchstens vier Stunden am Stück tagen, Ernst B. bekommt Pausen eingeräumt, sobald es dem alten Mann zu viel wird. Und: Ernst B. wird nicht unmittelbar auf die Komplizen des 16-Jährigen treffen, die als Zeugen geladen sind. "Das würde ich für sehr bedenklich halten", sagte am Mittwoch der Sachverständige, Psychiater Helmut Schmidt.

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