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Der Norden Richter: „Wie in einem schlechten Horrorfilm“
Nachrichten Der Norden Richter: „Wie in einem schlechten Horrorfilm“
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08:34 05.04.2012
Foto: Der 27-Jährige, der eine junge Frau mit 180 Messerstichen tötete, wurde wegen Totschlags verurteilt.
Der 27-Jährige, der eine junge Frau mit 180 Messerstichen tötete, wurde wegen Totschlags verurteilt. Quelle: dpa
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Hamburg

Mit mehr als 180 Messerstichen tötete ein Tourist in einem Hamburger Hotel eine junge Amerikanerin. Jetzt kommt der 27-Jährige dauerhaft in eine Psychiatrie, wie das Landgericht am Mittwoch urteilte. Der Vorsitzende Richter Wolfgang Backen sprach von einer „Tragödie“, bei der eine lebenslustige, intelligente und attraktive Frau durch die Hände eines psychisch Kranken umgekommen sei. Nach der Bluttat hatte der Mann aus Griechenland versucht, sich selbst das Leben zu nehmen.

Mit einem Taschenmesser habe der 27-Jährige in seinem Hotelzimmer am Hamburger Hauptbahnhof auf Brittany K. eingestochen, sagte Backen. „Anschließend verstümmelte er sein Opfer.“ Die Leiche war schlimm zugerichtet, mehr Einzelheiten wollte der Richter nicht nennen: „Es war wie in einem schlechten Horrorfilm.“ Viele Verletzungen seien der jungen Frau erst nach ihrem Tod zugefügt worden. Auch sich selbst verletzte der 27-Jährige dabei, die Kuppe seines rechten Ringfingers wurde in den Haaren des Opfers gefunden.

Vor Gericht schwieg der Beschuldigte zu den Vorwürfen. Bei einem psychiatrischen Sachverständigen machte er aber Angaben – und legte eine Art Geständnis ab. Es sei allerdings eine „wirre Einlassung“ gewesen, betonte Backen. Der 27-Jährige habe erklärt, er wolle mit der Tat seine Eltern besser verstehen – und verstehen, warum er existiere. „Warum er gerade sie umgebracht habe, könne er nicht sagen“, erklärte der Richter. „Falsche Person, falscher Augenblick.“

Der schmale Mann mit den dunklen Locken leidet an Wahnvorstellungen, an paranoider Schizophrenie, er ist schuldunfähig. Er sei für die Allgemeinheit nach wie vor sehr gefährlich, betonte Backen. „Falls erforderlich, wird der Beschuldigte sein ganzes Leben in einem psychiatrischen Krankenhaus verbringen müssen.“

Mutter des Opfers bricht weinend zusammen

Die Mutter des Opfers – sie trat vor Gericht als Nebenklägerin auf – wandte sich nach dem Urteil mit einem emotionalen Appell an die Öffentlichkeit. „Ich hoffe, dass er für den Rest seines Lebens in der Psychiatrie bleibt“, sagte die Amerikanerin. „Er ist sehr gefährlich, weil er nicht gefährlich aussieht.“ Ihre Tochter („Sie war ein unglaublicher Mensch“) habe es das Leben gekostet, dass sie mit ihm mitgegangen sei. Nach ihrer kurzen Erklärung brach sie weinend zusammen.

Die Eltern des Opfers und des Täters hätten sich außerhalb des Prozesses getroffen und „gegenseitig mitgefühlt“, sagte Backen. „Das verdient unsere Bewunderung und unseren großen Respekt.“ Der 27-Jährige stand wegen Mordes aus Grausamkeit vor Gericht; rechtlich werteten die Richter die Bluttat jedoch als Totschlag. Das gesamte Verfahren fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, erst beim Urteil durften Zuhörer und Journalisten in den Gerichtssaal.

Der 27-Jährige hatte nach dem Abschluss seines Studiums als Elektroingenieur viele Länder besucht, von Nepal bis Portugal. Dabei sei er zunehmend rastlos geworden, sagte der Richter. In den vergangenen Jahren habe er sich sehr für den Buddhismus interessiert und viel meditiert. In einem Meditationszentrum in Dänemark, das er drei Monate vor der Bluttat besuchte, habe er sich aber so auffällig verhalten, dass er hinausgeworfen wurde. Schließlich kam er nach Hamburg, dort traf er Brittany K. im Zehn-Personen-Schlafsaal einer Unterkunft. „Wahrscheinlich sind sie über Brittanys gute griechische Sprach- und Kulturkenntnisse in Kontakt gekommen.“

Die junge Frau war im Juni 2011 aus den USA nach Hamburg gereist, um dort Deutsch zu studieren. „Sie wollte die Welt kennenlernen“, betonte Backen. Sie habe zunächst bei einer Freundin gewohnt, sei nach einem Streit aber in die Unterkunft gezogen. Am Mittag des 31. August 2011 ging sie mit dem 27-Jährigen in dessen Hotelzimmer – und wurde vermutlich nur wenig später getötet. Nach der Bluttat stürzte sich der Mann am Hamburger Flughafen von einem Aufzugturm über der S-Bahn-Station in die Tiefe.

dpa

04.04.2012
Karl Doeleke 04.04.2012