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Der Norden Richter mit Poliertuch und Säge
Nachrichten Der Norden Richter mit Poliertuch und Säge
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06:16 11.05.2012
Von Manuel Becker
Schlichter-Richter: Marco Rüdebusch aus Delmenhorst. Quelle: Bednarz
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Delmenhorst

Herr Rüdebusch, Sie kommen gerade aus einer Verhandlung. Haben Sie heute schon einen Streit geschlichtet?

Ja, ich habe zwei Vergleiche moderiert.

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Und zu welchen Hilfsmitteln haben Sie dieses Mal gegriffen?

Heute lief es ganz einfach so durch eine mündliche Verhandlung.

Bekannt wurden Sie durch einen Prozess mit einem Poliertuch.

In dem Fall wollte der Kläger Schadenersatz, weil die Beklagte angeblich mit der Autotür beim Öffnen eine Schramme verursacht hatte. Ich hatte auf den Fotos aber gesehen, dass das nur Lackanhaftungen waren. Und wenn man wie ich ein sparsamer Mensch ist und an Kratzer an Wagen denkt, kommen einem auch andere Ideen. Also habe ich alle auf dem Gerichtsparkplatz versammelt, meine schöne Autopolitur von Zuhause mitgenommen, zack ein Poliertuch aus der Tasche gezogen und den Schaden vor allen Augen wegpoliert.

Wie war die Reaktion der Beteiligten?

Der Kläger war empört, der Rest hat gelacht. Aber dann habe ich dem Kläger gesagt, dass ich ihn für ein Schlitzohr halte, und dass Schlitzohren auch mal den Kürzeren ziehen müssen. Als ich ihm später zur Versöhnung die Hand gab, hat er schließlich auch gelacht.

Woher kommt Ihr Pragmatismus?

Ach, das war ja nur einer von 2000 Fällen. Andere Richter machen das bestimmt genauso. In Jever stritten sich zwei Parteien mal um einen Zaunpfahl, da ist einem Kollegen von mir der Geduldsfaden gerissen. Er hat einen Spaten genommen und den Pfahl festgemacht. Als Richter muss man sich ja immer einen Eindruck vom Schaden machen. Und wenn das kein Gutachter übernimmt, setze ich mich eben auch mal aufs Rad, fahre raus und gucke mir das an. Das mit dem Wegpolieren war Zufall und eine Steilvorlage, die ich einfach versenken musste.

2011 haben Sie bei einem Nachbarschaftsstreit, bei dem es um Äste ging, die über die Gartengrenze wuchsen, ebenfalls selbst zur Säge gegriffen und mit Erlaubnis aller Beteiligten Ast für Ast abgesägt. Sollte vielleicht öfter am Gartenzaun direkt entscheiden werden?

Der Ort ist nicht so entscheidend. Entscheidend ist, dass man alle Beteiligten an einen Tisch bekommt, an dem ein Unbeteiligter sitzt und moderiert. Und nur wenn am Ende beide Zähne knirschend zustimmen, ist ein Vergleich auch gut. Denn wenn ein Nachbar gewinnt, muss er sich am Gartenzaun womöglich bis zum Lebensende ein höhnisches Lachen ansehen.

Zu wieviel Prozent braucht ein Richter Paragrafendenken, zu wieviel einfach gesunden Menschenverstand?

Die Paragrafen sind unser Handwerkszeug. Die brauchen wir wie der Konditor seinen Spachtel. Beides macht 50 Prozent aus. Es ist zudem wichtig, dass man sich auf die Sache und die Personen einlässt.

Sie gelten als der „Schlichter von Delmenhorst“. Werden Sie im Gericht oder von Kollegen inzwischen als weise wahrgenommen?

Nein überhaupt nicht. Ich bin ja ein ganz normaler, fehlbarer Mensch, der sich schwarzärgert, wenn er einen Fehler macht - und die macht man. Aber ich spreche die Sprache des Volkes, und manchmal eben so, wie mir der Schnabel gewachsen ist.

Die Fragen stellte Manuel Becker.

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