Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Norden Rot-Grün will Turboabitur an Gesamtschulen stoppen
Nachrichten Der Norden Rot-Grün will Turboabitur an Gesamtschulen stoppen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 04.04.2013
Von Saskia Döhner
An Gesamtschulen soll es kein verkürztes Abitur geben. Die neue Landesregierung will das Vorhaben schnell umsetzen. Quelle: Archiv
Anzeige
Hannover

Kein Sitzenbleiben mehr, keine Laufbahnempfehlung am Ende der Grundschule, keine Pflicht zum Turboabitur an Gymnasien, ein gesetzlich verbrieftes Recht auf einen Ausbildungsplatz - SPD und Grüne hatten vor der Wahl angekündigt, dass sie vieles anders machen wollen in der Bildungspolitik. Doch mit der Brechstange will die neue Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) Schulreformen nicht durchdrücken. Sie setzt stattdessen auf Dialog und Runde Tische.

Richtig eilig hat es Rot-Grün vorerst nur bei den Gesamtschulen - hier soll das verkürzte Abitur nach zwölf Jahren erst gar nicht eingeführt und generell die Gründung neuer Schulen leichter werden. Die Initiative für eine entsprechende Gesetzesänderung kommt nicht aus dem Kultusministerium, sondern von den Regierungsfraktionen. Die wollen in der kommenden Woche über den Entwurf beraten, im Landtag soll er dann noch im April diskutiert und beschlossen werden. Ein monatelanges Anhörungsverfahren bleibt der Regierung so erspart. GEW-Chef Eberhard Brandt kann die Kritik der Kommunalverbände, sie würden so zu wenig an der Gesetzgebung beteiligt, nicht verstehen. „Es ist doch organisatorischer Nonsens, wenn die Integrierten Gesamtschulen für ein Jahr die Lehrpläne umstellen, um dann kurz darauf alles wieder zurückzudrehen.“ Dieses Hin und Her sei Schülern. Lehrern und Eltern nicht zuzumuten. Zudem müssten die Schulen Planungssicherheit erhalten. So werde schon nach Ostern der Einsatz der Lehrer fürs neue Schuljahr vorbereitet.

Anzeige

Nach dem Willen der alten schwarz-gelben Landesregierung hätte 2017 der erste Jahrgang das Abitur nach nur zwölf Jahren an den Gesamtschulen ablegen sollen. Alle Integrierten Gesamtschulen hatten sich aber entschlossen, ihre Schüler zunächst weiterhin gemeinsam und nicht nach Leistung differenziert zu unterrichten. Ab dem kommenden Schuljahr hätten die Schulen allerdings ihren Unterricht umstellen müssen. So gesehen kommt die geplante Schulgesetzänderung „auf den letzten Drücker“, wie Grünen-Bildungsexpertin Ina Korter es ausdrückt.

Rot-Grün will nicht nur das Turboabitur an Gesamtschulen kippen, sondern auch die Hürden für Schulneugründungen herabsetzen. Bislang mussten Schulträger nachweisen, dass die Schülerzahlen ausreichten, um für 14 Jahre fünf Klassen pro Jahrgang vorzuhalten. Künftig soll die Vierzügigkeit ausreichen. Im Ausnahmefall sollen auch Gesamtschulen mit drei Klassen pro Jahrgang erlaubt werden. Auch wenn die neue Regelung schon ab Sommer gelten sollte, so schnell wird vermutlich keine neue Gesamtschule an den Start gehen können. In Einbeck, Rotenburg/Wümme, Harpstedt bei Oldenburg und Rinteln gibt es immerhin konkrete Planungen für eine vierzügige IGS. Den Kommunen könnten durch die Schulgesetzänderung weitere Elternbefragungen erspart bleiben, lobt GEW-Vorsitzender Brandt.

Eine weitere Erleichterung für Referendare an Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe hat das Kultusministerium schon beschlossen. Bislang mussten angehende Lehrer, die ihre Ausbildung an einer IGS machten, mindestens ein halbes Jahr in der Sekundarstufe 1 eines Gymnasiums unterrichten. Jetzt gilt der Unterricht an der Gesamtschule als gleichwertig, das gesamte Referendariat kann an der IGS absolviert werden.

Während die Kommunalverbände Ministerpräsident Stephan Weil vorwerfen, von Dialog nur zu sprechen, aber ihn nicht umzusetzen, betont Kultusministerin Heiligenstadt immer wieder, Schulpolitik im Dialog mit den Menschen vor Ort machen zu wollen. Ihre Sprecherin nennt dies „den Ausdruck eines neuen Politikstils“.

Bereits im Juni soll es einen runden Tisch zum Thema Stress und verkürztes Abitur am Gymnasium geben, aber auch der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Handicaps, der Ausbau der Krippenplätze und die berufliche Bildung will die SPD-Politikerin im Dialog erörtern.

Björn Försterling (FDP) forderte am Montag die Regierung auf, nicht hinter verschlossenen Türen zu beraten. „Rot-Grün hat sich Transparenz auf die Fahnen geschrieben, deshalb sollte die Kultusministerin auch in einer öffentlichen Sitzung des Kultusausschusses über ihre geplanten Schwerpunkte informieren“, sagte der Bildungsexperte der Fraktion.

Gabriele Schulte 01.04.2013
01.04.2013