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Der Norden Soldaten wohnen auf Schloss Bredebeck
Nachrichten Der Norden Soldaten wohnen auf Schloss Bredebeck
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06:15 13.08.2012
Foto: Statt Kaserne lieber Schloss: Britische Soldaten bewohnen das Schloss Bredebeck in der Heide.
Statt Kaserne lieber Schloss: Britische Soldaten bewohnen das Schloss Bredebeck in der Heide. Quelle: Dimi Anastassakis
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Bergen

In der Nachbarschaft wird an zehn Monaten im Jahr scharf geschossen. Panzerlärm zu jeder Tageszeit. Die nächste Siedlung mindestens fünf Kilometer entfernt, viele Bauernhöfe ringsum schon vor Jahrzehnten dem Erdboden gleich gemacht: Nur ein Anwesen hat hier in menschenleerem Milieu überlebt und seinen einzigartigen Charme, auch seine Eleganz bewahrt: das Schloss Bredebeck in der Heide. Eine gepflegte Lindenallee führt auf den Vorplatz des dreigeschossigen Baudenkmals. Dort sprudelt eine Fontäne aus einem großen Bassin. Steinerne Putten, angeblich Meißener Porzellan nachempfunden, zieren die Ränder. In die Fassade des weiß gestrichenen Schlosses ist ein überlebensgroßer Hirsch integriert, mit einem Kreuz im Geweih, weil er St. Hubertus, dem Schutzpatron der Jäger, gewidmet ist.

Captain Charlie Luke wohnt im Schloss Bredebeck – gemeinsam mit knapp 20 anderen ledigen Offizieren eines Aufklärungsregiments der britischen Streitkräfte („9/12th Royal Lancers“), das seit zwölf Jahren in Bergen-Hohne stationiert ist. Der 28-jährige Soldat kennt sich in der Vergangenheit des für die Heide recht untypischen Landsitzes aus. Ihm ist aufgefallen, dass die Wetterfahne auf dem rechten Seitenflügel von einem alten Ozeandampfer stammen könnte. Auch in der barocken Eingangshalle verbreitet ein Schiffsgemälde in einem der Fenster ein wenig maritimes Flair. Ansonsten haben sich die jungen Offiziere in der Schatzkammer ihres Regiments bedient und überall im Schlossinneren große Ölgemälde aufgehängt, die an ruhmreiche Vorgänger und deren gewonnene Schlachten erinnern. Als die Wehrmacht hier ein Erholungsheim für Ritterkreuzträger betrieb, hingen gewiss andere Bilder an den edel vertäfelten Wänden.

Captain Luke bedauert, dass das Schwimmbad direkt neben dem Vorplatz vor Jahren schon zugeschüttet wurde und jetzt dichtes Buschwerk die Anlage überwuchert. Auch der Eiskeller auf dem Grundstück, in dem früher Wein gekühlt und Wildbret aufbewahrt wurde, ist längst nicht mehr in Betrieb. Die Ställe für die Pferde zum Polospiel sind verwaist, seit die Schlossherren immer öfter zum Krieg in den Irak oder nach Afghanistan abkommandiert werden.

Viel über seinen Wohnsitz hat Luke von Paul Kühling erfahren. Der frühere Leiter des Celler Gefängnisses ist 1929 auf Schloss Bredebeck geboren worden, als jüngstes von fünf Geschwistern. Sein Vater Adolf hatte es als Jurist und Manager der Hamburger Reederei Hapag zu Geld gebracht und den damals noch kleinen Herrensitz 1922 von einem Weltkriegsgeneral gekauft. Adolf Kühling vergrößerte das 1901/02 von einem Heidebauern errichtete Haus um zwei Seitenflügel, richtete einen Festsaal ein, ließ Bibliothek und Musikzimmer entstehen, schuf einen Speisesaal und gab den parkähnlichen Garten neben dem kristallklaren Liethbach in Auftrag. Mit befreundeten Familien und Geschäftspartnern feierten die Kühlings auf Schloss Bredebeck rauschende Feste und frönten der Jagd. Um die Land- und Forstwirtschaft auf dem etwa 400 Hektar großen Betrieb kümmert sich ein Verwalter.

Das hochherrschaftliche Leben währte nicht lange, wie der mittlerweile 83-jährige Paul Kühling berichtet: „Am Tag nach Weihnachten 1929, als ich getauft wurde, stürzte der Vater von der Treppe und verletzte sich schwer am Kopf. Im Frühjahr 1930 starb er.“ Ernst Kühling, ein Bruder des erfolgreichen Schiffsmanagers, heiratete dessen Witwe. Doch die Familie erfuhr schon bald neues Unheil. 1936, als die Wehrmacht den Truppenübungsplatz Bergen aus dem Heideboden stampfte, mussten die Kühlings Schloss Bredebeck an den Staat verkaufen. Ein halbes Jahr später starb Schlossherr Ernst Kühling.

Sein Neffe Paul sieht sich als Ruheständler immer wieder einmal am Ort seiner Kindheit um. „Ich freue mich, dass es so gut erhalten ist“, sagt er. Vielleicht liegt es daran, dass die jungen Offiziere von ihrer Armee zeitweilig wie junge Adelige hofiert werden. Tennis-, Golf- und Poloplatz stehen ihnen jederzeit zur Verfügung. Ihre Mahlzeiten werden in einer neuen Küche zubereitet, die erst vor drei Jahren für mindestens 1,5 Millionen Euro installiert wurde. Köche und Hauspersonal stehen fast rund um die Uhr zur Seite. Ein eleganter Kellner in weißem Hemd, schwarzer Weste und tiptop gebügelter Hose serviert Essen und Getränke, morgens und mittags im lichten Wintergarten, abends im festlichen Speisesaal.

Alle Bewohnern, darunter auch eine junge Ärztin, haben ein Einzelzimmer. Wenn die jungen Leute frisch von der Offiziersschule Sandhurst in die Heide kommen, müssen sie zunächst mit kleinen, recht unbequemen Kammern auskommen. Doch die Fluktuation in der Armee bringt es mit sich, dass sie am Ende ihres Aufenthalts auf Schloss Bredebeck eine Unterkunft haben, um die sie von vielen Offizierskameraden beneidet werden. Einsam sind die jungen Soldaten von den „Royal Lancers“ nicht. Besuch ist jederzeit erlaubt. Häufig schaut ihr Ehrenoberst Prinz Andrew vorbei, auch andere Mitglieder der Königsfamilie, etwa Prinzessin Diana, haben sich dort blicken lassen. Und wenn es gilt, den Geburtstag von Königin Elizabeth zu feiern, dann wird das Schloss in jedem Jahr für einen festlichen Empfang, eine kleine Militärparade und oft auch ein Feuerwerk hergerichtet.

Bald geht die Zeit der Briten auf bundeseigenen Schloss zu Ende. „Nach Oktober 2014 werden wir Deutschland verlassen und nach Großbritannien verlegt“, sagt Captain Adam Champion. „Was danach kommt? Wir wissen es nicht.“ Champion und andere Bewohner haben Paul Kühling gefragt, ob er nach Bredebeck zurückkommen wolle. Der 83-Jährige winkt ab: „Es ist ja schön dort, aber viel zu groß für uns.“

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