Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Norden Tatverdächtiger im Emder Mordfall entlastet
Nachrichten Der Norden Tatverdächtiger im Emder Mordfall entlastet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:49 30.03.2012
Der tatverdächtige 17-Jährige wurde aus der Untersuchungshaft entlassen. Quelle: dpa
Anzeige
Emden/Hannover

Vielleicht war es die Ohnmacht, die sie alle spürten. Vielleicht lag es auch an dieser ganz eigenen Dynamik, die Internetnetzwerke wie Facebook mit ihren Aufrufen und Botschaften in Gang setzen können. Sicher ist: Sie wollten den unfassbaren Mord an Lena rächen. „Die Leute hier haben den Kopf verloren, die Wut ist mit ihnen durchgegangen“, sagt der Physiotherapeut Alain Ndarurinze in der Emder Innenstadt. In seiner Praxis hat er mit vielen Menschen gesprochen in den vergangenen Tagen. Sie seien erschüttert gewesen. Zum einen über den grauenhaften Tod eines elfjährigen kleinen Mädchen. Aber auch über das, was passiert, wenn die Anteilnahme in einer Stadt so plötzlich umschwenkt in Wut. Wenn ganz offen mit Lynchjustiz gedroht wird. „Das geht ja zu wie im Wilden Westen“, sagt er. Und dann stellt er die Frage, die sich seit Freitag viele gefallen lassen müssen, die gerade noch wörtlich den Kopf eines 17-jährigen Berufsschülers gefordert haben: „Was wäre denn passiert, wenn der Mob ihn bekommen hätte?“

Es war am Dienstagabend, als es in der alten Hafenstadt in Ostfriesland für ein paar Stunden tatsächlich zuging wie im Wilden Westen. Gerade hatten die Ermittler der 40-köpfigen Sonderkommission „Parkhaus“ unter viel Getöse einen 17-Jährigen festgenommen. Die Polizei hatte Hinweise, dass er der Mann sein könnte, der Lena am Sonnabend in einem Innenstadtparkhaus „aus sexuellen Motiven“ getötet hat. In einer kleinen Stadt wie Emden verbreitet sich so eine Nachricht rasend schnell – auch weil Gerüchte im Internet die Runde machen.

Anzeige

Bei Facebook kursierten Namen und Adresse des Verdächtigen, ein 18-jähriger Ostfriese rief per Facebook zur Selbstjustiz auf: „Hängt ihn auf, steinigt ihn!“ Wenig später, in der Nacht, stand plötzlich ein wütender Mob von mehr als 50 Männern und Frauen vor dem Polizeigebäude und forderte die „Herausgabe“ des  jungen Mannes. Wie im wilden Westen.

Seit Freitag weiß man: Die Polizei  und mit ihr die wütenden Bürger haben sich geirrt. Dieser Junge ist unschuldig. Die ganze Angelegenheit wäre genauso gespenstisch gewesen, wenn der Berufsschüler als Täter überführt worden wäre. Plötzlich wird der schreckliche Mordfall von Emden nicht nur ein Lehrstück darüber, welche Eigendynamik Internetnetzwerke entwickeln können, sondern auch eines über die Sinnhaftigkeit des Rechtsstaates.

Es ist ein schmaler Grat zwischen Anteilnahme und Wut. 2000 Emder hatten sich schon am Montag am Tatort versammelt, um gemeinsam um das ermordete Kind zu trauern. Unzählige rote Kerzen brennen noch immer auf dem Bürgersteig neben dem Parkhaus. Im Internet haben sie Kondolenzbücher freigeschaltet, dort, wo Lena starb, drapierten sie Kuscheltiere und Briefe.  Es war wie eine Befreiung, dass der Täter vermeintlich so schnell gefunden worden war.

Es schien alles zu passen. Eine Zeugin hatte den Verdächtigen der Polizei gegenüber als „auffällig“ beschrieben, seine Statur und sein Gang passten zu dem Mann auf dem Überwachungsvideo, das die Polizei zuvor veröffentlicht hatte. Außerdem hatte der junge Berufsschüler sich nach Polizeiangaben in Widersprüche verwickelt und konnte nicht glaubhaft machen, dass er zur Tatzeit nicht am Tatort war.

„Die Befragung führte ein erfahrener Ermittler, und der Jugendliche hat sich nicht wie ein Unschuldiger verhalten“, erklärt ein Ermittler. Der Berufsschüler soll während der Befragung den Vorwürfen nicht sonderlich energisch widersprochen haben, aber ein Geständnis hat er auch nicht abgelegt. Ein anderer Polizist aus der ostfriesischen Stadt, der nicht namentlich genannt werden will, erzählt: „Er wirkte irgendwie unbeteiligt, fast gefühlskalt.“ Auch als er dem Haftrichter vorgestellt wurde, soll sich der 17-Jährige kaum verteidigt haben. Vielleicht war er nur angesichts der unglaublichen Anschuldigungen verstört, vielleicht folgte er auch nur dem Rat eines Juristen und sagte vorsichtshalber nichts, was gegen ihn verwendet werden könnte. In der Nachbetrachtung ist so etwas immer leicht zu sagen. 

Und dennoch klingt der Satz, den der Oberstaatsanwalt am Freitag in die Mikrofone sprechen muss, nicht gerade vorteilhaft für die Ermittler: „Die Indizien, die gegen den Verdächtigen vorlagen, sind durch Fakten, die wir herausgearbeitet haben, widerlegt worden“, sagt Bernard Südbeck. Es lägen Fakten vor, „die eine Täterschaft des Jugendlichen ausschließen“. Mit diesen Fakten ist nach Informationen dieser Zeitung der DNA-Test gemeint, den das Landeskriminalamt mittlerweile ausgewertet hat. Der sagt: Der Täter muss ein anderer gewesen sein.

Diejenigen, die per Facebook zur Lynchjustiz aufgerufen haben, müssen nun selbst mit Ärger rechnen. Gegen einen 18-Jährigen ist ein Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. Bernhard Witthaut, Bundesvorsitzender der Polizeigewerkschaft GdP, fordert „harte Strafen“. Der gerade noch verdächtige Berufsschüler ist am Freitag an einen geheimen Ort gebracht worden – wegen der aufgeheizten Stimmung in der Stadt. Der Staatsanwalt sagt, er sei nun „sicher“.

Auch die Polizei muss sich kritische Fragen gefallen lassen. „Man hatte den Eindruck, dass sie einen Täter präsentieren wollten“, sagte die Vizepräsidentin des Verbands deutscher Strafrechtsanwälte und Strafverteidiger, Martina Renz-Bünning am Freitag. Die Identität des 17-Jährigen sei nicht ausreichend von den Behörden geschützt worden, auch die dramatische Festnahme inmitten des Wohngebietes sei ein Fehler gewesen. „Wie wollen sie diesem Mann je wieder ein normales Leben geben?“ Und musste man den Verdächtigen denn wirklich mit Handschellen abführen, sodass es alle Nachbarn mitbekommen konnten?

Die Fragen sind berechtigt. Und doch machte man es sich wohl zu einfach, den nächsten Pranger einzurichten und die Polizei daran zu stellen. Denn was wäre die Alternative gewesen? Sollte man einen des Mordes verdächtigen Jugendlichen frei herumlaufen lassen – aus Angst vor einem Mob von twitternden Anhängern der Lynchjustiz oder der Pressemeute?

Für die Staatsanwaltschaft ist die Antwort eindeutig. „Wir haben keinen Fehler gemacht“, erklärt Südbeck am Freitag in Emden.  „Es hat keine Pannen gegeben“, sagt auch Angelika Grüter, die Sprecherin der Emder Polizei. Schließlich hätten die Ermittler stets darauf hingewiesen, dass der dringende Tatverdacht auf bloßen Indizien, widersprüchlichen Aussagen des Jungen und dessen fehlendem Alibi beruhe. Auch dass der verdächtigte 17-Jährige in Handschellen abgeführt wurde, sei richtig gewesen. Schon aus Selbstschutz.

Hinter die Ermittler in Ostfriesland stellte sich am Freitag auch das Innenministerium in Hannover. „Das ist keine Ermittlungspanne, das ist ein neuer Ermittlungsstand“, sagt Sprecher Dirk Hallmann. Man vertraue weiter darauf, dass die 40-köpfige Mordkommission nicht mehr als die angeforderte Hilfe vom Landeskriminalamt in Hannover benötigt habe – von den DNA-Spezialisten abgesehen.

Wer sich allerdings in Emder Ermittlerkreisen umhört, der bekommt auch einen kleinen Eindruck davon, unter welchem Druck die Polizei in den vergangenen Tagen stand.  Es sei eine besondere Situation für die Kollegen, sagt ein Ermittler. All die Kamerateams, die seit Tagen das Polizeigebäude gegenüber dem Hauptbahnhof belagern, all die Wut, die in Emden zu spüren ist. Und vor allem die Angst vor einer Wiederholungstat in der Bevölkerung. Vielleicht ist das ein bisschen viel für einen Polizei- und Justizapparat, der mit Kapitalverbrechen dieser Größenordnung eben nicht alltäglich umgehen muss.

„Die Kollegen stehen da unter einem ganz besonderen Druck“, sagt ein Emder Polizist.  Der Druck ist seit Freitag nicht kleiner geworden. „Allzu viele Festnahmen können wir uns wohl nicht mehr erlauben“, heißt es. Aber der Widerspruch bleibt. Denn während die Öffentlichkeit nun ganz genau hinschaut, wenn die Polizei einen Verdächtigen präsentiert, hofft sie doch gleichzeitig auf einen schnellen Fahndungserfolg. 

Wie sehr auch Kollegen diesen herbeigesehnt haben, zeigt eine Pressemitteilung der Polizeigewerkschaft GdP vom Donnerstag. Kaum war der verdächtige 17-Jährige in Untersuchungshaft genommen worden, gratulierte der GdP-Chef Witthaut schon „zur weitgehenden Aufklärung des Verbrechens.“

Dirk Schmaler und Gabriele Schulte

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

29.03.2012
29.03.2012