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Der Norden Tragödie im Urlaubsparadies
Nachrichten Der Norden Tragödie im Urlaubsparadies
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22:19 04.07.2012
Foto: Einsamer Tod: Gäste eines Cafés nahe dem Spielplatz bemerkten nicht, wie Sebastian starb
Einsamer Tod: Gäste eines Cafés nahe dem Spielplatz bemerkten nicht, wie Sebastian starb Quelle: dpa
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Amrum

„Kleine Insel mit großer Freiheit“ – so wirbt das nordfriesische Amrum um Urlauber. Sie finden auf dem nur etwa 21 Quadratkilometer großen Eiland Nordeuropas breitesten Sandstrand, Wald- und Heidegebiete und damit eine Insel, die sich mit ihrer ruhigen Beschaulichkeit sehr von der nördlich gelegenen Glamourkonkurrenz Sylt unterscheidet. Vielleicht waren die Eltern des zehnjährigen Sebastian aus Wien deshalb etwas sorgloser, als sie ihrem Sohn am Sonntagnachmittag um 17 Uhr erlaubten, zum Spielplatz mit dem Piratenschiff nahe dem Ort Wittdün an der Südostecke der Insel zu gehen – 300 Meter vom gemieteten Ferienhaus der Familie entfernt.

Ein Urlaubsparadies als gefährlicher Ort für Kinder? Eine Befürchtung, die die Eltern Sebastians bekamen, als sie ihren Sohn wie verabredet um 18 Uhr auf dem Spielplatz abholen wollten, ihn aber nirgendwo fanden. „Ich fürchte, mein Sohn wurde Opfer einer Straftat“, sagte die Mutter, kurz nachdem die Polizei eine Suchaktion gestartet hatte. Mittwochmittag wurde die Befürchtung des österreichischen Ehepaares , ihr Sohn könnte tot sein, bestätigt: Unmittelbar neben dem Spielgerüst, begraben von Sand, wurde eine Kinderleiche von der Polizei entdeckt – Sebastians Leiche, die Polizei gab sich da ziemlich sicher.

Rettungskräfte haben die Leiche des zehnjährigen Sebastian auf der Urlaubsinsel Amrum im Sand entdeckt. Die Polizei geht von einem Unfall aus. Ein Urlauberfoto hatte den entscheidenden Hinweis gegeben.

Dem grausamen Fund war eine groß angelegte Suchaktion vorausgegangen. Seit Sonntag hatten Einsatzkräfte der Polizei den Jungen mit Hubschraubern, Spürhunden und Schiffen der Seenotrettung gesucht. Eine halbe Hundertschaft Feuerwehrleute durchkämmte an Land nahezu jedes Grundstück, jeden Schuppen und jeden offenen Keller. Auch viele der 2300 Einwohner Amrums halfen mit. Sogar auf den angrenzenden Inseln Sylt und Föhr wurde nach Sebastian gesucht, fahren doch mehrmals am Tage Fähren hinüber. Zudem kann man bei Ebbe – und die herrschte, als der Junge zum Spielplatz ging – zu Fuß nach Amrum laufen.

Zur Suche nach dem Jungen gehörte auch die Sichtung von Urlaubsbildern anderer Feriengäste. Die Beamten hofften, auf den Fotos zu sehen, wen Sebastian vor seinem Verschwinden kennengelernt hat oder mit wem er zusammen war. „Wir haben bereits zahlreiche Fotos bekommen“, sagte Stielow am Montag. Immerhin kommen im Jahr rund 100.000 Tages- und 200.000 Übernachtungsgäste auf die Insel.

Einige Zeugen hatten am späten Nachmittag Sebastian noch beim Spielen am Piratenschiff beobachtet. Sie wollten den blond gelockten Zehnjährigen kurz vor seinem Verschwinden gegen 18 Uhr mit einem anderen Jungen gesehen haben. Die Polizei suchte deshalb zunächst nach einem Kind namens Lukas. Ein Lukas meldete sich am Dienstag auch bei den Beamten. Doch die Hoffnung, dass er weiterhelfen könnte, zerschlug sich schnell: Lukas hatte zwar zuvor mal mit Sebastian auf dem Schiff gespielt, war aber am Sonntag nur bis 16.30 Uhr auf dem Spielplatz gewesen. Die Polizei suchte deshalb weiter nach einem möglicherweise anderen Jungen mit blondem Haar, der Sebastian danach noch getroffen haben soll. „Vielleicht hat Sebastian dem Kind erzählt, was er noch vorhatte oder dass er vielleicht jemanden kennengelernt hat“, sagte Stielow. „Wir greifen nach jedem Hinweis, der irgendwie helfen kann.“

Parallel zur erfolglosen Suche begannen die Beamten, die von Urlaubern eingereichten Fotos zu sichten. Auf einem der Fotos entdeckten die Polizisten „einen zur Tatzeit und Personenbeschreibung passenden Junge im Sand beim Piratenschiff grabend“ – der Auslöser für eine neue intensive Suche am Spielplatz. Auch hier wurden Spürhunde eingesetzt. Die Ermittler hoben schließlich mit einem Schaufelbagger den Sand großflächig rund um das Spielgerät aus. Dann machten die Beamten am Mittag die schreckliche Entdeckung und hängten den Bereich um den Spielplatz mit blauen Planen ab. Der tote Körper lag, abgedeckt von lockerem Sand, unter der Rutsche am hölzernen Piratenschiff.

Der zehn Jahre alte Sebastian aus Österreich wird vermisst. Er wurde zuletzt am Sonntag auf einem Spielgerät am Strand der Nordseeinsel Amrum gesehen.

Zu den Hintergründen des Todesfalls gab es gestern eine erste Vermutung der Polizei. „Die Umstände sehen eher nach einer Unfallsituation aus“, sagte der Sprecher der Polizeidirektion Husum, Matthias Glamann. Der Junge sei wohl am Sonntag in einem selbst gegrabenen Loch verschüttet worden und erstickt, ergänzte Pressesprecherin Stielow. Die Rutsche endet in einer Sandgrube; deren Wände könnte eingestürzt sein, als Sebastian anfing, dort zu graben. Medienberichte, wonach der Junge in 1,5 Meter Tiefe vergraben worden war, wurden von der Polizei gestern dementiert. Rechtsmediziner werden das Kind nun untersuchen. Sie sollen herausfinden, ob es Verletzungen erlitten hat und was genau die Todesursache war. Die Ermittler vor Ort wollten am Mittwoch ausdrücklich auch ein Verbrechen noch nicht ausschließen.

Sebastians Schicksal bewegt die Menschen auf Amrum tief. „Seitdem am Sonntag die Notfallsirenen der Feuerwehr heulten, gab es kein anderes Thema mehr“, sagt Ute Claussen, eine Uramrumerin. „Montagnacht kreiste ununterbrochen ein Hubschrauber mit einer Wärmebildkamera über Amrum, suchte nach dem Jungen“, berichtet die 56-Jährige. Eine vergleichbare Situation habe es hier noch nie gegeben. „Erst war es die quälende Ungewissheit, was passiert ist – und jetzt trauert die ganze Insel.“ Noch am Dienstagabend habe es einen spontanen Gottesdienst in der Kapelle des Urlaubsorts gegeben.

Ein Bestattungsunternehmer holte das tote Kind am frühen Mittwochnachmittag in einem silbergrauen Leichenwagen unter den neugierigen Augen zahlreicher Urlauber ab. Nachdem der Leichenwagen weg war, wurde das Loch am Strand wieder zugeschüttet. Sebastians Eltern und seine zwölfjährige Schwester werden nach Polizeiangaben zurzeit betreut. Wann sie das Kind identifizieren werden, hätten sie noch nicht entschieden, hieß es bei der Polizei.

Stephanie Lettgen/Bastian Modrow/dpa/afp

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