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Der Norden Wieder sterben Frühchen in Bremen
Nachrichten Der Norden Wieder sterben Frühchen in Bremen
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18:30 02.03.2012
Vor einigen Wochen wurden im Bremer Klinikum-Mitte noch Frühchen behandelt, gestern wurde die Station geräumt. Quelle: dpa
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Bremen

In Bremen sind erneut zwei Frühchen im Klinikum Mitte gestorben, die mit dem Darmkeim Klebsiella besiedelt waren. Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) zog daraufhin Konsequenzen: Sie suspendierte den Geschäftsführer des kommunalen Bremer Klinikverbundes „Gesundheit Nord“ (Geno), Diethelm Hansen, und entband den Hygienebeauftragten des Klinikums, Axel K., von seinen Aufgaben. Das KBM gehört zur Geno. Außerdem wird die betroffene Station 4027 jetzt geschlossen.

Nach drei Todesfällen wegen Klebsiella-Infektionen im vergangenen Jahr war die Frühchenstation zum Jahreswechsel bereits umgebaut und von Grund auf desinfiziert worden. Trotzdem tauchte der identische Keim vergangene Woche erneut bei drei Frühchen auf. Die jetzt gestorbenen Babys gehören laut Senatorin Jürgens-Pieper nicht zu diesen drei. In den beiden neuen Fällen seien Klebsiellen gefunden worden, aber es müsse noch geklärt werden, ob es sich dabei um denselben Stamm wie bisher handele. Die Wahrscheinlichkeit dafür sei „nicht gering“, sagte die Senatorin auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz. Unklar sei auch, ob die Babys tatsächlich an dem Keim oder wegen einer anderen Ursache gestorben seien.Eines der beiden sei am 24. Februar per Notoperation auf die Welt gekommen und zunächst leblos gewesen.

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Bereits am Dienstag war bekannt geworden, dass der aktuelle Klebsiella-Keim wie der von 2011 identisch mit einer Keimprobe von 2009 ist. Laut Gesundheitsressort hatte der jetzt abgesetzte Hygienebeauftragte K. das alte Material noch in einem Kühlschrank aufbewahrt und es zusammen mit aktuellen Keimproben an ein Bochumer Labor geschickt. Dort wurde dann die Übereinstimmung festgestellt. Woher der Erreger stammt, ist allen Experten ein Rätsel. Der spezielle Keim wurde bisher nur in Bremen und einmal in Russland nachgewiesen.

„Erschüttert“ äußerte sich die Senatorin darüber, dass in den Hygieniker-akten offenbar noch „relativ viele“ weitere Klebsiellen-Fälle vermerkt gewesen seien. Über diese Akten habe K. zunächst weder die Gesundheitsbehörde noch den Frühchen-Untersuchungsausschuss der Bremischen Bürgerschaft informiert. Es sei „ein erheblicher Fehler“, dass K. „erst im Nachhinein in den Kühlschrank und die Akten“ geschaut habe, meinte Jürgens-Pieper. Jetzt müsse aufgeklärt werden, ob und wie viele Keimausbrüche, Infektionen oder gar Todesfälle es seit 2009 gegeben habe, die auf Klebsiellen zurückzuführen seien.

Dass Geno-Chef Hansen jetzt unbefristet von seinen Aufgaben freigestellt wurde, begründete die Senatorin mit „schleichendem Vertrauensverlust in ihn und der Erschütterung auch über das Krisenmanagement“, das Hansen federführend zu verantworten habe.

Ob der 51-Jährige auch endgültig entlassen wird, soll nach der Aufklärung der Vorfälle entschieden werden. Der Fall werde wohl vor dem Arbeitsgericht landen, meinte Jürgens-Pieper, die auch Aufsichtsratsvorsitzende der Geno ist. Bereits im November hatte der langjährige zuständige Chefarzt die fristlose Kündigung erhalten.

Da die Herkunft der Keime weiterhin ungeklärt ist, werden die Frühchenstation und die benachbarte Geburtshilfestation jetzt geschlossen. Laut Geno wurde noch am Mittwoch damit begonnen, die zuletzt sieben Babys auf eine Ausweichstation in der KBM-Kinderklinik zu verlegen, wo sie getrennt von anderen Patienten gepflegt werden.

Das Gesundheitsressort informierte am Mittwoch auch die Staatsanwaltschaft über die neuen Todesfälle. Die Ermittler führen bereits ein Verfahren gegen den entlassenen Chefarzt und weitere noch unbekannte Personen wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung. Dabei prüfen sie nicht nur die drei Klebsiella-Todesfälle von August und Oktober 2011, sondern auch noch drei weitere ungeklärte Fälle seit 2010.

Eckhard Stengel

Karl Doeleke 02.03.2012
Michael B. Berger 02.03.2012