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Der Norden "Kinderverschickung" vor 70 Jahren
Nachrichten Der Norden "Kinderverschickung" vor 70 Jahren
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00:18 14.11.2015
Von Gabriele Schulte
In den Anfangsjahren nach dem Zweiten Weltkrieg ging es ums Aufpäppeln unterernährter Kinder. Quelle: Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Freien Wohlfahrtsverbände
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Langeoog

Erst in den Neunzigerjahren lösten Caritas, Diakonie (früher Innere Mission), Arbeiterwohlfahrt und Deutsches Rotes Kreuz ihr gemeinsames Hilfswerk auf. Bis dahin hatten sie 150.000 Kindern zum bis zu sechswöchigen Urlaub hinter den Dünen verholfen.

In den Anfangsjahren nach dem Zweiten Weltkrieg ging es ums Aufpäppeln unterernährter Kinder, vor allem Flüchtlinge aus den ehemals deutschen Ostgebieten. „Sie wurden mithilfe amerikanischer Carepakete in den Kinderheimen auf Langeoog satt“, erzählt Georg Gabriel, Geschäftsführer der LAG. „Aber auch die Inselbevölkerung wurde mit durchgefüttert.“ Tatsächlich sei es Langeoogs Gemeindedirektor gewesen, der die Idee hatte, leer stehende Soldatenbaracken auf dem Flugplatzgelände für die Kindererholung zu nutzen. Jeweils 800 Kinder vom Grundschulalter an fanden dort gleichzeitig Platz.

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Zu den Gästen der ersten Jahre gehörte Gisela Blachut aus Hameln. Sie wurde 1950 als Flüchtlingskind nach Langeoog geschickt, um zu Kräften zu kommen. Die heute 72-Jährige erinnert sich vor allem an den riesigen Speisesaal. „Vor den Mahlzeiten gingen die Betreuer mit einer Blechkaffeekanne rum“, weiß Blachut noch. „Wir Kinder hatten alle einen Löffel für den Lebertran in der Hand, der da verteilt wurde.“

„Ach, Du warst auch auf Langeoog“: Für Generationen waren Kinderverschickung und Kinderkur fester Bestandteil der Jugend. In den Neunzigerjahren wurde das Hilfswerk der Wohlfahrtsverbände aufgelöst – 150 000 Kinder hatten bis dahin den Urlaub an der Nordsee verbracht.

Küche, Waschküche, Turnhalle und Verwaltungsgebäude wurden gemeinsam vom Hilfswerk genutzt. Die Schlafsäle in den Baracken, später in festen Häusern, waren nach Verbänden getrennt. „Wir Katholiken gingen zum Beispiel sonntags zur Kirche“, berichtet Rudolf Kuperjans, ehemaliger Verwaltungsdirektor des Caritasverbandes in Hildesheim. Das pädagogische Konzept dagegen sei überall ähnlich gewesen.

Noch in den Sechzigerjahren sah die Pädagogik deutliche Strenge vor. „Nach einer Kissenschlacht musste ich mal stundenlang auf einer Bank vor dem Schlafsaal sitzen“, erinnert sich Georg Gabriel. Der LAG-Geschäftsführer war als Achtjähriger aus Bokeloh im Emsland für drei Wochen nach Langeoog geschickt worden. Das Wirtschaftswunder hatte die Zeit des Darbens abgelöst. Gabriel denkt gern zurück an Sandburgen am Strand und Füße im Meerwasser. „Ich hatte kein Heimweh“, sagt er. Nur ein, zwei Kinder seien vorzeitig nach Hause gefahren.

Das Hilfswerk, das vom Land und einer Funklotterie unterstützt wurde, hatte einen eigenen Kutscher, der das Gepäck der Kinder vom Hafen zu den Häusern fuhr: dem evangelischen „Flinthörnhaus“, dem „Mövennest“ der Arbeiterwohlfahrt, dem „Haus Sonnenschein“ der Caritas und dem „Dünenheim“ des DRK.

Auseinanderzudriften begann die Gemeinschaft, als Küche und Heizung saniert werden mussten. Erst betrieben die Verbände noch zusammen die Waschküche, dann gaben sie die Wäsche aufs Festland ab.

Von den Kinderärzten behandelt wurden außer Atemwegs- und Hautproblemen zunehmend auch psychische Erkrankungen. Viele Mädchen und Jungen kamen zur Kur nach Langeoog, während ihre Mutter sich anderswo bei einer Mütterkur erholte. Doch die Nachfrage sank, das Hilfswerk lief schleichend aus. Ende der Neunzigerjahre war Schluss.

Anstelle reiner Kinderkuren hatten sich Mutter-Kind-Kuren durchgesetzt. „Die laufen heute noch gut“, sagt Gabriel.

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