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Der Norden Verschickungskinder fordern Aufarbeitung: „Wir wollen nicht wieder Objekt werden“
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Verschickungskinder fordern Aufarbeitung bei Kongress auf Sylt: „Wir wollen nicht wieder Objekt werden“

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10:00 25.11.2019
Gruppenbild mit T-Shirts: Ehemalige Verschickungskinder aus Kurheimen haben sich auf Sylt getroffen und fordern Aufarbeitung. Quelle: Bert Strebe
Westerland

„Ich hatte Papierkügelchen geworfen“, sagt die Frau. „Ich musste nachts barfuß im kalten Waschraum stehen, ein Kissen über dem Kopf. Damals habe ich einen weggekriegt.“

Zurückschauen, erzählen, was war, nach vorn schauen: Es ist eine komplexe Aufgabe, die sich die gut 70 Menschen gestellt haben, die am vergangenen Wochenende im Gemeindesaal von St. Niels in Westerland auf Sylt zusammengekommen sind. Fast alle sind sogenannte Verschickungskinder. Sie sind von ihren Eltern allein zur Kur in Erholungsheime geschickt und dort oft nicht gut behandelt worden. Damals, in einem Zeitraum, der von Ende der Vierzigerjahre bis Anfang der Achtziger reicht, waren sie zwischen zwei und 14 Jahren alt.

Anspannung im Raum

Angestoßen hat das Treffen die Autorin und Pädagogin Anja Röhl aus Berlin; sie hatte vor Jahren einen Artikel zum Thema geschrieben und bekam daraufhin immer mehr Berichte von ehemaligen Verschickungskindern zugesandt, inzwischen sind es mehr als 1000. Als sie dachte, man solle sich mal zusammensetzen und reden, schrieb sie alle nord- und ostfriesischen Inseln an, auf denen es Kinderkurheime gegeben hatte. Niemand antwortete, nur Sylt, deswegen findet die Konferenz dort statt.

Anja Röhl Quelle: Mathias Peppler

Nun also sitzen die ehemaligen Kinder, heute zwischen 40 und fast 80 Jahre alt, in Stuhlreihen oder im Kreis und hören sich und anderen zu. Anspannung liegt im Raum. Es geht um eine Handvoll Wochen in ihrem Leben, Jahrzehnte her, aber es ist immer noch ein bestimmender Teil. Die Männer und Frauen sind lange erwachsen, man sieht schütteres Haar, gefärbtes Haar, sie sind selbst Eltern, Großeltern. Und man sieht, auf jedem Stuhl, zugleich das kleine Kind von damals, ängstlich, niedergedrückt.

Wollen wahrgenommen werden: ehemalige Verschickungskinder. Quelle: Bert Strebe

Expertinnen sprechen. Brigitte Linke, Kindertherapeutin, berichtet, dass „satt und sauber zu sein nicht ausreicht“ für Kinder, dass sie die Anwesenheit der Eltern notwendig bräuchten, dass deren Fehlen Ängste auslöse, die bis zur Todesangst gingen. Das gelte erst recht, wenn die Kinder schlecht behandelt würden. Und dass es Kinder zusätzlich traumatisiere, wenn dieses Leid hinterher nicht mal anerkannt werde und sie Sätze zu hören bekämen wie: Stell dich nicht so an.

Opfer werden Täter

Die Traumatherapeutin Birgit Assel erzählt, wie solche Schädigungen vom Kind innerlich abgespalten und verdrängt werden, wenn sie nicht verarbeitet werden können. Dadurch leide das Mitgefühl für andere, aber auch für sich selbst, und das führe zu einem Konglomerat aus Jammern und Gefühlskälte, Schuld- und Schamgefühlen und Suchtverhalten. Und manchmal auch dazu, dass solche Kinder selbst als Erwachsene Kindern wehtun.

Die Sozialwissenschaftlerin Christiane Dienel (im Raum Hannover nicht ganz unbekannt, weil sie wegen eines israelkritischen Seminars 2016 die Leitung der FH Hildesheim abgeben musste) ordnet das Phänomen Verschickungskinder gesellschaftspolitisch ein: Nach konservativer Schätzung seien rund drei Millionen betroffen (Anja Röhl hatte zuvor mehr vermutet). Ziel der Kuren sei auch die Gesundheit der Kinder gewesen, aber vor allem das Generieren von Einnahmen für die Heime. Nachdem die Eltern von 1982 an zuzahlen mussten, war der Boom praktisch vorbei.

Für die Kinder, sagt Dienel, seien die Heime eine „totale Institution“ gewesen, die alles kontrolliert habe, vom Schlaf bis zum Toilettengang. Ähnlich sieht das die Erziehungswissenschaftlerin Sigrid Chamberlain, die sich mit der Fortsetzung der NS-Pädagogik (man reduziert die Bindung an die Mutter und macht Kinder damit anfällig für Hörigkeit gegenüber Autoritäten) nach dem Krieg in den Heimen befasst. „Die alten Nazis sind in diesem Bereich einfach geblieben, wo sie waren, dafür hat sich kaum jemand interessiert.“ Die Pharmakologin Sylvia Wagner berichtet von medikamentöser Ruhigstellung von Heimkindern, auch von Medikamentenversuchen. Für Kurheime gibt es dazu aber noch kaum Belege.

„Die alten Nazis sind einfach geblieben“: Sigrid Chamberlain, Expertin für NS-Pädagogik. Quelle: Bert Strebe

Anlaufstelle gefordert

Wie empfindlich die ehemaligen Verschickungskinder nach wie vor sind, weil ihr Leid bisher kaum wahrgenommen wurde, sieht man in den Debatten. Alle erzählen von ihren Demütigungen (zur Strafe in den Keller, Schläge, Diebstahl von Paketen von den Eltern, stundenlanges Sitzen vor Tellern mit kaltem Essen, selbst vor Tellern mit Erbrochenem), als wäre es gestern gewesen. Sie wünschen sich Wahrnehmung, Entschuldigungen, Zur-Verantwortung-ziehen. Das kann auch drastisch werden: Eine Frau, die in einem Heim auf Sylt war, wird mit dem Satz „Ich will, dass Sylt von der Landkarte verschwindet“ zitiert.

Als die Moderatoren zwei Gesprächsgruppen zusammenlegen, ohne die Teilnehmer vorher zu fragen, wird die Stimmung kurz aggressiv: Verschickungskinder ertragen es nicht, wenn etwas über ihren Kopf hinweg entschieden wird. „Wir sind alle hoch empfindlich“, sagt Sabine Schwemm aus Hannover, die auch nach Sylt gefahren ist; die HAZ hatte vergangene Woche über ihre Erlebnisse im Waldhaus in Bad Salzdetfurth berichtet, in dem 1969 zudem drei Kinder ums Leben gekommen waren.

Der Kongress endet mit der Forderung nach gründlicher Erforschung der Geschichte der Kurkinder, unter deren Beteiligung: „Wir wollen nicht Objekt von Forschung werden.“ Zunächst bedürfe es einer selbstverwalteten Anlaufstelle für die Betroffenen, Bund und Länder und Heimträger sollten für all das in einem ersten Schritt 3 Millionen Euro zur Verfügung stellen.

Von Bert Strebe

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