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Der Norden Wegen Burn-out – Hamelns Landrat Bartels kündigt Rücktritt an
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Videobotschaft: Wegen Burn-out: Hamelns Landrat Bartels kündigt Rücktritt an

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10:51 12.10.2019
Zieht sich zurück: Tjark Bartels Quelle: Julian Stratenschulte/dpa
Hannover/Hameln

Tjark Bartels, Landrat von Hameln-Pyrmont, hat in einer Videobotschaft seinen Rücktritt angekündigt. Als Grund gibt er einen schweren Burn-out an. Er sei seit gut drei Monaten erkrankt. Das niedersächsische Innenministerium bestätigte, dass der Landrat einen Antrag auf Außerdienststellung gestellt habe.

„Auch wir waren an Lügde beteiligt“

Der heute 50-jährige Bartels ist seit Oktober 2013 Landrat des Landkreises, zuvor war er Bürgermeister der Gemeinde Wedemark in der Region Hannover. Bartels folgte auf den Landrat Rüdiger Butte, der im Kreishaus von einem Rentner erschossen worden war. Der Täter richtete sich anschließend selbst.

In einer zehnminütigen Videobotschaft erklärte Bartels, warum er sich zurückzieht. So leide er seit mehreren Monaten an einem Burn-out, doch habe er die Erkrankung anfangs gar nicht wahrgenommen. Das Burn-out hinge auch mit den Kindesmisshandlungen auf dem Campingplatz Lügde zusammen. „Auch wir waren daran beteiligt“, sagte Bartels und räumte erneut Fehlentscheidungen des Jugendamtes Hameln ein, das auch in den Skandal verwickelt war. „Das ist insgesamt nicht gut gelaufen“, sagte Bartels, doch habe sich auch nach dem Skandal „an vielen anderen Stellen nichts geändert“.

Immer etwas schneller als andere

Bartels selbst ist seit Bekanntwerden des Skandals heftiger Kritik ausgesetzt gewesen, auch weil er sich anfangs sehr schnell vor seine Mitarbeiter gestellt hatte, dann aber immer neue Fehler einräumen musste. „Wir sind als Politiker gewöhnt, beschimpft zu werden – im Fall Lüdge war es bei mir deutlich überschritten.“ Bartels sagte, dass viele Menschen in der Politik bereits von vornherein mit Hasstiraden im Netz rechneten und abwägen würden, wie sie in den sozialen Netzwerken ankämen. Dies habe eine nachhaltige Wirkung auf die Politik.

Der in Hameln lebende stellvertretende Vorsitzende der SPD-Landtagsfraktion, Ulrich Watermann, bedauert den Abgang von Bartels außerordentlich. „Da geht jemand von Bord, der viele Projekte angeschoben hat – von der Erdverkabelung über die Migrationspolitik“, sagte Watermann. Bartels sei ein Mann mit Ecken und Kanten, von denen es nicht viele gebe.

Keine Scheu vor Konflikten

In der Tat war der schwergewichtige SPD-Politiker, der mit seiner Frau und seinen drei Kindern auch während seiner Landratszeit weiter in der Wedemark wohnen blieb, ein Ausnahme-Kommunalpolitiker mit einer sehr raschen Auffassungsgabe und wachem politischen Instinkt. Er war immer etwas schneller als andere. Er hatte allerdings auch Mühe, seine Mitarbeiter mitzunehmen und konnte polarisieren. Nicht wenige seiner politischen Gegner hielten ihn für arrogant.

Bartels hatte auch keine Scheu, sich mit anderen politischen Schwergewichten anzulegen, etwa dem ehemaligen Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Mit einer eilends zusammengerufenen Konferenz und der „Hamelner Erklärung“ erzeugte Bartels 2015 so viel politischen Druck, dass sich der Netzbetreiber Tennet zu einer Verlegung von Erdkabeln entschloss, anstatt hohe Strommasten zu errichten. Auch während der Flüchtlingswelle reagierte der Landrat schnell und bot ein damals leerstehendes Kasernengelände in Hameln an, das als eine Art Vorzeigeunterkunft galt.

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Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) bezeichnete Bartels als einen der profiliertesten Kommunalpolitiker des Landes. Bartels sei stets im engen Austausch mit den Menschen vor Ort gewesen und habe eine große Bereitschaft gehabt, „immer wieder Neues zu erproben“. Sein Engagement in Zeiten der großen Flüchtlingsbewegungen sei bemerkenswert gewesen. Eine bittere Erfahrung für den Landkreis aber auch für Tjark Bartels seien die Versäumnisse im Zusammenhang mit den Lüdge-Taten gewesen. „Die notwendigen Schlussfolgerungen hat Tjark Bartels in aller Konsequenz gezogen, damit sich solche Fehler nicht wiederholen können“, erklärte Weil. Er wünsche ihm eine möglichst rasche Genesung „und sehr gerne irgendwann die Rückkehr auf die politische Bühne“.

Betroffen reagierte auch die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, Anja Piel, auf den Rückzug des Landrates. Piel wohnt in Fischbeck bei Hameln und kennt Bartels gut. „Bedauerlich, dass er sich die Kritik so sehr zu Herzen nimmt“, sagte Piel der HAZ: „Letzten Endes macht er einen Rückzieher für Dinge, die er anfangs zwar falsch kommentiert aber nicht verursacht hat“, sagte die Landtagsabgeordnete. Sie empfinde den Rücktritt als unverhältnismäßig. Auch die SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Johanne Modder, zeigte Mitgefühl für den scheidenden Landrat: „Mich hat das Ganze sehr betroffen gemacht, auch der hässliche Umgang im Netz mit Tjark.“

Als einen „Mahnruf an alle, vernünftiger miteinander umzugehen“, sieht der Vizepräsident des Landkreistages, der Göttinger Landrat Bernhard Reuter (SPD), den angekündigten Abgang seines Kollegen. „Es ist außerordentlich bedauerlich, dass er aus unserem Team ausscheidet“, sagte Reuter der HAZ. Nicht nur Bartels habe spüren müssen, dass die Kritik nicht nur in sozialen Netzwerken „unerbittlicher und tendenziöser“ geworden sei. „Es kommt oft vorschnell zu Verurteilungen, ohne dass der Kritiker weiß, was genau los ist.“ Jugendämter arbeiteten generell auf einem sehr schwierigen Terrain, auf dem man leicht Fehler machen könne. Der Abgang von Bartels mache es noch schwieriger, Leute für hohe Positionen in der Kommunalpolitik zu gewinnen. Demgegenüber begrüßte die FDP-Sozialpolitikerin Sylvia Bruns den angekündigten Rücktritt. Bartels habe „die Zeichen der Zeit erkannt“, sein Rücktritt eröffne die Chance die Vorgänge in Lüdge neu aufzuarbeiten.

Was ist ein Burn-out?

Burnout ist von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Frühjahr dieses Jahres als Faktor eingestuft worden, der die Gesundheit beeinträchtigen kann. Das Gefühl des Ausgebranntseins resultiere aus chronischem Stress am Arbeitsplatz, der unter anderem zu einer negativen Einstellung zum Job und geringerer Leistungskraft führen könne, heißt es in der WHO-Definition. Auch Erschöpfung sei Teil des Syndroms.

Die Zahl der Krankschreibungen wegen psychischer Probleme hat sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdreifacht. Das geht aus einer Langzeituntersuchung der DAK-Gesundheit hervor. In ihrem „Psychoreport 2019“ hat die Krankenkasse die Fehltage ihrer Versicherten seit 1997 ausgewertet. Die Krankschreibungen von Arbeitnehmern wegen psychischer Leiden erreichten demnach im Jahr 2017 einen Höchststand.

Im Schnitt fiel 2017 jeder Versicherte wegen psychischer Probleme für 2,5 Tage auf der Arbeit aus. Zwanzig Jahre vorher waren es im Schnitt nur 0,7 Krankheitstage pro Versichertem. 2018 ging die Zahl der Fehltage wegen psychischer Leiden nach stetigem Anstieg erstmals wieder leicht zurück.

Über den Gesamtzeitraum dieser DAK-Untersuchung hinweg fehlten Arbeitnehmer am häufigsten wegen der Diagnose Depression. Dahinter folgen sogenannte Anpassungsstörungen – diese treten zum Beispiel nach schweren Schicksalsschlägen auf oder nach einschneidenden Veränderungen im Leben. Danach kommen neurotische Störungen und Angststörungen. Die Diagnose Burn-out habe seit 2012 im Krankheitsgeschehen deutlich an Relevanz verloren, heißt es.

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