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Der Norden Fragt das Meldeamt bald nach Organspenden?
Nachrichten Der Norden Fragt das Meldeamt bald nach Organspenden?
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00:17 19.07.2018
In Niedersachsen wie auch bundesweit ist die Zahl der Menschen, die nach ihrem Tod Organe gespendet haben, 2017 erneut zurückgegangen.
In Niedersachsen wie auch bundesweit ist die Zahl der Menschen, die nach ihrem Tod Organe gespendet haben, 2017 erneut zurückgegangen. Quelle: Rainer Droese (Symbolbild)
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Hannover

Wer in Deutschland einen Personalausweis oder Reisepass beantragt, könnte bald auch routinemäßig nach seiner Bereitschaft zur Organspende befragt werden. Niedersachsens Gesundheitsministerin Carola Reimann (SPD) jedenfalls begrüßt den Vorschlag, den das Land Schleswig-Holstein vor Kurzem bei der Gesundheitsministerkonferenz gemacht hat. Vorbild sind die USA. Dort muss jeder, der beim Einwohnermeldeamt ein Personaldokument erhält, gleichzeitig angeben, ob er im Todesfall seine Organe spenden möchte oder nicht.

„Die Beantragung eines Führerscheins oder ähnlicher Dokumente zum Anlass zu nehmen, die Spendenbereitschaft zu erfragen und zur Dokumentation anzufordern, halte ich für eine denkbare Ergänzung der bestehenden Entscheidungslösung“, sagt Reimann. Allerdings sei eine pauschale Ja/Nein-Entscheidung zu wenig: „Die Differenzierung im eigenen Spenderausweis halte ich für erforderlich.“

In Niedersachsen wie auch bundesweit ist die Zahl der Menschen, die nach ihrem Tod Organe gespendet haben, 2017 erneut zurückgegangen. Laut Gesundheitsministerium lag sie im vergangenen Jahr landesweit noch bei 64 – im Vorjahr waren es noch 73 gewesen. Die derzeit in Deutschland existierende Entscheidungslösung basiert darauf, dass Spendenwillige sich aus eigenem Antrieb einen Organspendeausweis besorgen.

Die Umsetzung des schleswig-holsteinischen Vorschlags würde die Umstellung auf eine sogenannte Zustimmungslösung bedeuten, bei der jeder Bürger nach seiner Spendenbereitschaft befragt wird. Der Transplantationsmediziner Prof. Dr. Gregor Warnecke von der Medizinischen Hochschule Hannover befürwortet sogar die sogenannte Widerspruchslösung, die etwa in Österreich und Spanien gilt. Hier müssen Patienten widersprechen, wenn sie nicht möchten, dass ihre Organe im Ernstfall entnommen werden. Entsprechend höher sind in den beiden Ländern Spenderquoten.

Gesundheitsministerin Reimann lehnt diese Widerspruchslösung ab: „Für mich ist wichtig, dass jede und jeder eine eigene, bewusste Entscheidung für sich trifft“, sagt sie. Die Widerspruchslösung nehme in Kauf, dass für Menschen, die sich nicht mit dem Thema befasst haben, eine Entscheidung getroffen oder angenommen werde. „Ich will, dass jede und jeder eine eigene Entscheidung trifft, gegebenenfalls eben auch eine ablehnende.“

Hauptverantwortlich für rückläufige Zahlen bei der Organspende ist nach Ansicht von MHH-Professor Warnecke jedoch die zunehmende Arbeitsverdichtung auf Intensivstationen. Sie führe dazu, dass Ärzte häufig ihrer Verpflichtung nicht nachkämen, mögliche Spenderorgane zu melden. Der Grund: Das Prozedere ist langwierig und kompliziert und bringt den Kliniken kaum einen Vorteil. Gesundheitsministerin Reimann ruft daher dazu auf, die Organentnahme in den Krankenhäusern besser zu vergüten: „Das muss auf der Bundesebene umgesetzt werden.“

Die stark verbesserten Sicherheitsstandards bei Autos schützen Fahrer und Beifahrer immer besser. Vor allem schwere Kopfverletzungen werden weniger. Das führt jedoch auch dazu, dass die Zahl der Organspenden sinkt. Voraussetzung für die Entnahme von Spenderorganen ist der Hirntod. In den USA wiederum treiben die vielen Todesfälle durch Schusswaffen die Zahl der Organspender in die Höhe.

Von Jutta Rinas