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Der Norden Weinberg zwischen Lüneburg und Elbe
Nachrichten Der Norden Weinberg zwischen Lüneburg und Elbe
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18:42 05.05.2019
„Wir wählen Sorten aus, die im Norden gut gedeihen“: Neu-Weinbauer Hans-Jürgen Meyer prüft den Wuchs einer Rebe der Sorte Solaris. Quelle: Foto: Carolin George
Thomasburg

„Das hier“, sagt Hans-Jürgen Meyer, „dürfen wir ruhig Weinberg nennen.“ Er deutet auf eine weitgehend ebene Fläche voller Metallpfosten und Drahtseile, am Ende schließt sich ein Kiefernwald an. An den Pfosten hängen Jacken und Hüte, zwischen den Drahtrahmen knien Menschen. Denn jetzt ist Pflanzzeit am Weinberg im Nordosten Niedersachsens, zwischen Lüneburg und der Elbe, und die Meyers haben sich 2600 Reben an zwei Tagen vorgenommen.

Cabaret Noir steht auf einem roten Schild am Anfang einer Reihe, ein paar Meter weiter Cabernet Jura. Die beiden roten Trauben, Züchtungen aus der Schweiz, pflanzen Hans-Jürgen Meyer und sein Sohn Hannes in dieser Saison zum ersten Mal an. „Wir wählen Sorten aus, die im Norden gut gedeihen“, erläutert der Senior.

Neue Sorten ausprobieren

Tipps bekommt er von Yvonne Rottmann aus Bremen. Die selbstständige Winzerin berät einige größere Weinbauern, die in Niedersachsen seit der Reform der EU-Weinmarktregelung vor drei Jahren Wein anbauen. Seinerzeit erhielt Niedersachsen vom Bund erstmals Weinbaurechte. „Hier ist noch alles möglich“, sagt die 34-Jährige. „Wir schaffen etwas Neues, probieren andere Sorten aus als die klassischen.“

Wichtig für den Norden seien zwei Dinge, erläutert Rottmann, die die Liebe zum Weinbau in Neuseeland entdeckt hat und in Bad Kreuznach den Meister zum Weinbautechniker gemacht hat. „Das ist zum einen eine kurze Vegetationsdauer und zum anderen eine gute Widerstandsfähigkeit gegen Pilze.“

Der Wein muss früher reif sein als im Süden, das weiß auch Neu-Winzer Meyer: „Einen Riesling, der erst Mitte Oktober reift, brauche ich hier oben gar nicht erst anzubauen.“ Sein Cabaret Noir dagegen reift bereits Anfang, Mitte September: „Das ist ideal für unsere Lage.“

Wässern ist tabu

Die ersten Rebstöcke ihres neuen Weinberges haben die Meyers vor einem Jahr gepflanzt: 2500-mal Solaris, eine weiße Traube, die Anfang September reift und im Süden häufig für Federweißen genutzt wird. Meyer blickt stolz auf die Reben, aber auch ein wenig wehmütig. „So hoch sollten die Reben eigentlich mittlerweile gewachsen sein“, sagt der 68-Jährige und hält die Hand an seine Hüfte. Aber die Trockenheit im vergangenen Sommer hat die Pflanzen so geschwächt, dass sie ihre Blätter teilweise nur knapp über dem Boden tragen. „Sie sind ganz schön im Rückstand. Aber immerhin haben die allermeisten überlebt.“

Denn zu wässern ist unter Weinbauern tabu, sagt Meyer. „Es heißt immer, der Wein soll sich quälen und aus eigener Kraft ans Wasser kommen. Die Wurzeln wachsen bis zu 30 Meter in die Tiefe.“ Nur vor dem Hineinsetzen in das Pflanzloch kommt Wasser aus der Gießkanne – später nicht mehr. Düngen ist ebenfalls verpönt: Dann läuft der Weinbauer Gefahr, dass die Trauben letztlich alle gleich schmecken – nach den zugesetzten Mineralien und nicht mehr nach dem Boden, auf dem sie wachsen.

1,4 Hektar Anbaufläche

Gleichzeitig zum Setzen der neuen Reben steht das Stutzen der älteren Pflanzen an. Um einen schönen geraden Stamm zu erhalten, knipsen die Meyers die meisten Triebe ab – nur die obersten bleiben erhalten. „Die übrigen würden der Pflanze bloß Kraft rauben“, sagt Meyer senior. „Außerdem wollen wir ja keinen Busch, sondern eine Stange ähnlich einer Kopfweide.“

Das alles wissen Meyer, Diplom-Kaufmann in Rente, und sein Sohn Hannes, Lehrer, 34, selbst erst seit ein paar Jahren. „Wir haben überlegt, was aus unserem Hof und dem Acker werden soll“, sagt Hannes Meyer, von Beruf Lehrer für Biologie und Mathematik. „Verfallen lassen und Mais anpflanzen? Das wollten wir nicht. Wein haben wir schon vorher als Hobby im Garten angebaut, und als wir im Radio von der Möglichkeit hörten, Rebpflanzrechte zu beantragen, passte das ideal.“

Weinbauland Niedersachsen

Im Jahr 2016 hat das Bundesland Niedersachsen zum ersten Mal Weinbaurechte vergeben – insgesamt rund 7,6 Hektar an zehn Antragsteller aus den Landkreisen Göttingen, Lüneburg, Oldenburg, Schaumburg, Ammerland, Osnabrück und Friesland sowie der Region Hannover. Zum Vergleich: In Rheinhessen, dem größten deutschen Weinanbaugebiet, summieren sich die Rebflächen auf rund 26 500 Hektar.

Die Anbaurechte sind nötig, wenn der Wein nicht nur für den eigenen Verzehr angebaut werden soll. Vor der Änderung der EU-Weinmarktregelung war nur der hobbymäßige Anbau von bis zu 99 Weinreben erlaubt. Die Nische nutzten Einzelne im Kreis Wolfenbüttel, im Raum Oldenburg, im Landkreis Friesland, in Hitzacker und in Hildesheim.

Auf 1,4 Hektar werden die Meyers kommen, wenn sie im nächsten Jahr die dritte Charge Weinreben gepflanzt haben werden. Das wollen sie nicht nur, das müssen sie auch: Denn wer Weinbaurechte besitzt, muss sie nach EU-Weinmarktregelung auch ausfüllen. Drei Jahre haben Neulinge jeweils dafür Zeit. „Ansonsten müssen wir ein Bußgeld zahlen“, sagt Meyer senior.

Verkauf ab 2022

Mit den ersten verkauften Flaschen Wein rechnen die Meyers im Jahr 2022. Bis dahin wollen sie probieren, verändern, wieder probieren. „Je älter die Pflanzen werden, desto ausgereifter wird auch der Wein schmecken“, sagt Hannes Meyer.

Kleiner Wermutstopfen: Die Herkunft des Weins darf nicht im Namen verraten werden, so schreiben es die strengen Regeln vor. Dafür müsste die Region zunächst beantragen, ein offizielles Anbaugebiet für Landwein zu werden.

Einen „Lüneburger Landwein“ wird es also nicht geben. Erlaubt ist aber ein geschickter Hinweis im Kleingedruckten auf dem Etikett, dass der Wein dort angebaut worden ist, wo er auch abgefüllt wurde: in Thomasburg, Landkreis Lüneburg.

Von Carolin George

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