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Digital Computerkids - Ein bisschen Exzess und ganz viel Alltag
Nachrichten Digital Computerkids - Ein bisschen Exzess und ganz viel Alltag
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14:20 02.03.2012
Von Thorsten Fuchs
Junge Menschen gehen vernünftiger mit dem Internet um als viele glauben. Quelle: Surrey
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Hannover

Ist das immer so? Wie schützt sich die 15-Jährige? Was denkt der Vater, dessen Sohn Videospiele mehr fesseln als alle Bücher der Welt? Was sagen Lehrer, was raten Experten? Protokolle aus dem Alltag.

„Telefonieren istirgendwie besser“

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Manchmal nervt es mich selbst, wie viel Zeit ich vor dem Computer verbringe. Nicht oft, aber es kommt vor. Zum Beispiel, wenn wir am nächsten Tag einen Test schreiben. Wenn dann vor mir die Bücher liegen und rechts steht der Computer, dann kostet es mich echt Überwindung, zu lernen statt im Netz nach Videos zu suchen oder so. Meine Eltern finden, dass ich viel zu viel in den Computer gucke. Ich finde das nicht. Aber drei Stunden am Tag verbringe ich schon vor dem Bildschirm, vor allem abends. Meine Eltern haben mir deshalb verboten, nach Mitternacht noch den Computer eingeschaltet zu haben. Daran halte ich mich auch. Wirklich.

In meiner Klasse gibt es echte Facebook-Junkies. Die schauen die ganze Zeit auf ihr Handy unter dem Tisch und checken, ob es neue Nachrichten gibt. Das ist unerträglich. Ich bin auch bei Facebook. Wenn ich zum Beispiel mit meinen Freunden backe, dann mache ich ein Foto und poste es. Meine Freunde und ich chatten auch bei Facebook. Aber telefonieren ist schon irgendwie besser.

Die meiste Zeit verbringe ich damit, Musikvideos im Netz zu schauen. Vor allem suche ich nach K-Pop-Videos. K-Pop steht für Korea-Pop. Ist im Moment unglaublich angesagt. Oder ich schaue chinesische Dramen, da kann ich mich richtig reinversenken. Aber da brauche ich manchmal Untertitel. Meine Eltern kommen aus China und Vietnam, aber ich bin hier geboren. Den Fernseher brauche ich kaum noch, seit ich einen eigenen Computer habe. Vor zwei Jahren habe ich ihn bekommen.

Oft hole ich mir aus dem Netz auch Anregungen. Ich zeichne sehr viel, Mangas zum Beispiel, also die japanischen Comics, aber manchmal entwerfe ich auch Kleidung. Im Internet schaue ich mir Modeseiten an, und wenn mir etwas gefällt, male ich es ab. Das dauert schon mal ein bisschen länger. Noch lieber gehe ich aber mit Freunden in die Stadt und schaue dort in den Geschäften – und male die Sachen hinterher aus dem Gedächtnis.

Dona La, 15 Jahre, Schülerin, Hannover

„Ich gebe Entwarnung“

Wenn Eltern sich Sorgen über den Medienkonsum ihrer Kinder machen, muss man das natürlich ernst nehmen. Ich will aber dennoch ein Stück weit Entwarnung geben. Der Medienkonsum der Deutschen liegt seit Jahrzehnten bei zehn bis zwölf Stunden täglich – und zwar quer durch die Generationen. Dazu gehören das Radio unter der Dusche und die Zeitung am Frühstückstisch, der Computer, das Fernsehprogramm und Bücher. Medienkonsum ist also bei weitem kein Jugendphänomen. Nur die Nutzungsform verändert sich. Ältere schauen sogar fast doppelt so lang täglich fern wie junge Leute. Die Jüngeren hingegen sitzen häufiger als andere vor dem Computer.

Aber man darf sich das nicht so vorstellen, dass Horden von Jugendlichen stundenlang mit großen Augen auf Bildschirme starren und sich auf eine Tätigkeit konzentrieren. Das ist ein Klischee. Die Jugendlichen machen heute viele unterschiedliche Dinge an ihrem Computer: Sie schauen Filme, hören Musik, produzieren eigene Inhalte, machen Schulaufgaben und lesen Nachrichten. Und sie kommunizieren über Facebook oder andere Netzwerke mit ihren Freunden – die sie übrigens meist aus Schule oder Verein kennen. Der Computer ist Allzweckgerät für Arbeit und Freizeitgestaltung. Die Zeit vor dem Bildschirm hat deshalb allein kaum Aussagekraft.

Auch Computerspiele sind nicht grundsätzlich Teufelswerk. Zwar gibt es einen kleinen Anteil an exzessiven Spielern, die sich den Anreiz- und Belohnungssystemen der Computerspiele nicht entziehen können. Sie vergessen das Essen und vernachlässigen die Schule oder die Arbeit. Ihnen muss geholfen werden. Das sind aber nur etwa 1,5 Prozent der aktiven Spieler. Für die allermeisten Jugendlichen gehören Computerspiele zum vielfältigen Freizeit-Portfolio neben Fußball oder Konzertbesuchen. Ich wüsste nicht, was daran schlimm sein sollte.

Medienforscher Christoph Klimmt, Direktor Institut am für Journalistik und Kommunikationsforschung in Hannover

„Eltern müssen Regeln setzen“

Eine kritische Phase für viele Jugendliche ist die Zeit nach der Konfirmation. Von ihrem Konfirmationsgeld kaufen sie sich den ersten Laptop und sind von da an meist ohne inhaltliche und zeitliche Begrenzung „online“ – zum Spielen, bei Facebook, Youtube und natürlich zum Arbeiten für die Schule. Viele Eltern haben auch nichts dagegen, wenn ihr Kind am Rechner sitzt, weil es dadurch zu Hause bleibt und nicht irgendwo in der Stadt unterwegs ist und vielleicht trinkt oder kifft. Sie kommen meist erst in die Beratungsstelle, wenn die schulischen Leistungen massiv nachlassen. Die Herausforderung für die Eltern besteht dann darin, die bestehenden Freiheiten der Jugendlichen im Blick auf deren Mediennutzung wieder ein Stück zurückzudrehen. Das ist meistens sehr anstrengend und konfliktreich für beide Seiten. Ein Dilemma ist, dass Kinder und Jugendliche ein gesundes Maß für die Zeit, die sie im Internet verbringen, aufgrund ihrer Reife einerseits und der hohen Attraktivität der Netzinhalte andererseits nicht selbst finden können. Und mit dieser Überforderung stehen sie meistens allein da. Hier sind Eltern gefordert, möglichst frühzeitig gute, sinnvolle Regeln festzulegen. Wichtig ist auch: Sie sollten immer im Gespräch mit ihrem Kind bleiben, selbst wenn es zum Streit um die Mediennutzung kommt. Ich rate Eltern deshalb, den Rechner möglichst in einem öffentlichen Raum zu Hause aufzustellen, mit einer klaren zeitlichen und inhaltlichen Begrenzung, die in Abständen immer wieder neu angepasst werden muss. Was wir brauchen, ist auch eine breite Diskussion darüber, was uns die wachsende Mediatisierung bringt, wer die Gewinner, wer die Verlierer sind. Wir können es uns als Gesellschaft zum Beispiel nicht leisten, dass vor allem junge Männer hinter ihren Fähigkeiten und Kompetenzen zurückbleiben und keinen Schulabschluss schaffen – weil sie exzessiv Computer-Spiele spielen.

Eberhard Freitag, Diplom-Pädagoge bei „Return“, Fachstelle für exzessiven Medienkonsum

„Kümmert euch mal um den!“

Ein Problem ist vor allem das Mobbing. Das prägt nicht das Leben der Schule, aber es kommt doch immer wieder vor. Die Schwelle, einen Mitschüler zu beschimpfen, sinkt enorm, wenn die Jungen oder Mädchen bei Facebook unterwegs sind. Alle Beteiligten sind dann geradezu süchtig danach zu gucken, wie das weiterläuft – und wir haben manche Hände voll damit zu tun, das pädagogisch wieder unter Kontrolle zu bringen.

Ein weiteres Phänomen ist es, wenn Schüler so viel Zeit vor dem Computer verbringen, dass sie Raum und Zeit, Tag und Nacht völlig vergessen. Das betrifft vor allem Jungen. Wir merken das im Unterricht ganz deutlich: Müdigkeit ohne Ende, Desinteresse, null Motivation, völlige Gleichgültigkeit. Manchmal machen uns auch besorgte Schüler darauf aufmerksam und sagen: Kümmert euch mal um den. Es hilft dann nicht, den Betroffenen Vorwürfe zu machen. Da muss man Stück für Stück versuchen, die jungen Menschen wieder ins Leben zurückzuholen. Das geht nur mit viel Einfühlungsvermögen und Angeboten: Nächste Woche fahren wir ins Schullandheim, es ist uns wichtig, dass du dabei bist. Oft führt exzessives Computerspielen ja auch zu Schwänzen – man muss dann behutsam auf die Jungen zugehen, wenn sie zurückkommen.

Wir können nur an die Eltern appellieren: Lasst die Kinder nicht so lange für sich allein werkeln. Es ist bequem, wenn die Kinder still vor dem Computer sitzen, aber man darf sie da nicht allein lassen. Die schweren Fälle sind natürlich Einzelfälle unter unseren 900 Schülern. Dass Schüler heute mehrere Stunden täglich vor dem Computer verbringen, ist aber Teil der Normalität. Ich bin auch da insgesamt skeptisch. Ich bin noch vom alten Schlag und glaube, dass da viel Energie abgeschöpft wird. Man kann dann vielleicht nicht mehr zu 100 Prozent Gas geben, sondern muss sich für die Spanisch-Vokabeln mit 50 Prozent begnügen. Das finde ich dann bedenklich.

Erich Schuler, IGS Linden, Hannover

„Wo ist mein Sohn geblieben?“

Manchmal bin ich wütend auf die Rechner, auf das Internet und auf die Programmierer, die all das erschaffen haben. Sie haben mir meinen Sohn weggenommen, denke ich manchmal. Wenn ich in das Zimmer des 15-Jährigen komme, sehe ich ihn meist vor dem Bildschirm sitzen. Immer laufen mehrere Programme gleichzeitig: Facebook, Skype, irgendein Programm, das ihn mit der Schule verbindet, und ein Spiel läuft auch: Minecraft.

Es ist ein Welterschaffungsspiel, man baut fantastische Häuser und sucht irgendwelche Bodenschätze. Manchmal muss man auch Monster töten. Aber das scheint hier die Ausnahme zu sein. Ego-Shooter-Spiele sind bei uns verboten. Ich bin der Überzeugung, dass sie unsere Welt nicht friedfertiger machen. Ich bin sicher, dass es nicht gut für einen Jugendlichen sein kann, Bilder zu sehen, die zeigen, wie Menschen niedergemetzelt werden. Ich glaube, dass so etwas der Seele schadet. Mein Sohn sagt, er könne zwischen Spiel und Ernst unterscheiden. Ich glaube ihm, ich bin trotzdem überzeugt, dass es nicht gut ist, solche Tötungsspiele zu spielen. Wahrscheinlich spielt er solche Spiele woanders.

Bei uns zu Hause wird Minecraft gespielt. Glücklich bin ich darüber aber auch nicht. Manchmal, wenn ich hinter dem 15-Jährigen stehe und auf den Bildschirm schaue, sage ich: „Toll, wie Du das schafft, all die Kisten aufeinanderzustapeln.“ Er spürt die Ironie, aber es ist ihm egal. Manchmal sage ich auch, dass ich es lieber sähe, wenn er mit seiner Zeit etwas Sinnvolles anstellen würde. Er nickt dann nur, und ich denke, dass ich klinge wie meine eigene Mutter.

Dass ihm das Universum der Bücher ganz verschlossen bleibt, finde ich schrecklich. Bücherlesen scheint für ihn vor allem mit Zwang verbunden zu sein. Online aber liest er sehr viel. Ich habe nie den Eindruck, dass sich mein Sohn vor dem Rechner einsam fühlt. Wenn er über Skype mit seinen Freunden redet, ist stundenlanges Gequassel aus seinem Zimmer zu hören. Ich vermute stark, dass sie irgendetwas Belangloses miteinander reden. Oft wird auch gelacht. Einmal habe ich ihm vorgeschlagen, er könne doch über Skype gemeinsam mit seinen Schulfreunden Vokabeln lernen. Die letzten Noten zeigen, dass sie dem Vorschlag wohl nicht gefolgt sind.

Das Schlimme am Rechner ist, dass er so viele Maschinen in einer ist. Wenn wir kürzere Rechnerzeiten vereinbaren, heißt es: „Ja, aber ich brauche den Rechner zum Musikhören.“

Die Zeiten, in denen er im Internet unterwegs sein darf, haben wir nach und nach reduziert. Ich sage, es sei ganz einfach: Wenn sich seine Zensuren in der Schule besserten, dürfe er auch länger ins Internet. Bisher ist das nicht der Fall der gewesen. Aber wir haben kaum noch Möglichkeiten, die Internetzeiten noch weiter zu verkürzen.

Es ist ein dauerndes Streitthema. Und manchmal bin ich richtig wütend auf den schwedischen Programmierer Markus Persson, der sich Notch nennt und Minecraft entwickelt hat.

Ein Vater, 51, Hannover

„Ich hatte unzählige Freunde“

Mit 13 habe ich angefangen, täglich Computer zu spielen. Meine Eltern hatten sich zwei Jahre zuvor getrennt und begannen, vor Gericht miteinander zu streiten. Ich habe mich da immer mehr in meine Onlinewelt zurückgezogen. Ich gehörte zu den besten Counterstrike-Schützen, hatte unzählige Freunde in sozialen Netzwerken. Hier konnte ich sein, wer ich wirklich sein wollte. Ich war witzig, ich war beliebt, ich war cool. Meinen wirklichen Namen kannte niemand. In der realen Welt bekam ich mehr und mehr Probleme. Da war ich nicht cool, sondern ein schüchterner Junge, der zu lange vor dem Computer hockt. In der Schule wurde ich immer schlechter. Vom Gymnasium kam ich auf die Realschule. Da fand ich aber auch keinen Anschluss, ich war viel zu zurückgezogen. Und der Stoff interessierte mich überhaupt nicht mehr.

Mit 17 kam es dann zum endgültigen Bruch mit meinen Eltern. Ich hatte einfach keine Lust mehr, mir von denen sagen zu lassen, wie ich leben sollte. Mir ging es ja gut. Damals war es ganz logisch, dass ich gespielt habe. Spielen war einfach besser. Ich hatte ja dort alles, was ich brauchte. Ich konnte am besten zocken, ich war beliebt ohne Ende. Die anderen hatten die Probleme, nicht ich. Ich führte ein Doppelleben: Tagsüber ein bisschen in die Schule und nachts an den Computer. Schule, dachte ich, kann man später immer noch machen.

Als ich dann meine eigene Wohnung bekam, musste ich nichts mehr vorspielen. Ich besorgte mir Atteste, um nicht mehr in die Schule zu müssen. Aus dem Haus ging ich kaum mehr, Besucher wies ich ab. Ernährt habe ich mich von Tiefkühlpizza. Mittags nach dem Aufstehen eine, nachts noch eine – aber ich hatte ohnehin kaum Hunger.

Verbergen konnte ich meinen Zustand nicht mehr. Meine Eltern haben mir dann ein Ultimatum gestellt: Entweder Therapie, oder sie zahlen die Miete nicht mehr. Ich bin dann in die Klinik gegangen, ins Kinderkrankenhaus auf der Bult. In der Station Teen Spirit Island habe ich gelernt, wieder mit mir selbst klarzukommen. Ich würde gern eine kaufmännische Ausbildung machen. Auch wenn ich da wieder mit Computern umgehen muss. Leicht wird das bestimmt nicht. Aber es wird irgendwie klappen. Es muss.

Henning, 19, zitiert nach dem Buch „Internet- und Computersucht“ von Christoph Möller