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12:26 28.12.2013
Von Gabi Stief
„Wir wollten Geschäfte machen. Risiko übernehmen“: Die Brüder und „DailyDeal“-Gründer Ferry und Fabian Heilemann in ihrer neuen Berliner Firmenzentrale. Quelle: Insa Cathérine Hagemann
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Berlin

Bei einer Umfrage kam kürzlich heraus, dass der Mechatroniker bei kleinen Jungs Traumberuf Nummer eins ist. Für Fabian Heilemann war die Autobastelei wahrscheinlich das Langweiligste von der Welt. Mit 17 Jahren reiste er stattdessen allein nach Hawaii, um Windsurfprofi zu werden. Er hat es sich dann doch noch mal anders überlegt. Er kehrte wieder heim nach Hameln, machte sein Abitur und studierte Jura. Mit 27 Jahren beschloss er, Unternehmer zu werden, gemeinsam mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Ferry. Zwei Jahre später verkauften sie ihr Unternehmen für 114 Millionen US-Dollar an den US-Konzern Google. Und noch einmal zwei Jahre später kauften sie es wieder zurück. Ein Märchen?

Eine wahre Geschichte. Man sollte sie vielleicht besser von hinten erzählen; vom vorläufigen Ende her. Dazu muss man in der „Backfabrik“ im Berliner Szene­bezirk Prenzlauer Berg vorbeischauen, wo einst der Volkseigene Betrieb Bako Schrippen für Ost-Berlin knetete und wo vor gut zehn Jahren ein Gewerbehof für „kreative Denkarbeiter“ entstanden ist. Es ist einer der Orte, wo die Hauptstadt jung, dynamisch und hip ist oder wenigstens so erscheinen will. Etwa 40 Unternehmen - von der Werbeagentur „familie redlich“, über Til Schweigers Filmfirma „Barefoot“ bis zu Dutzenden kleinen Internetfirmen - arbeiten hier Tür an Tür, oder besser Etage über Etage in Großraumbüros.

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Man nennt sich nicht Mietergemeinschaft, sondern „Community“ und spricht von „Networking“ statt von Beziehungspflege. Hier trifft man auf Fabian und Ferry Heilemann, zwei, die seit ein paar Monaten wieder ihre eigenen Chefs sind und nicht mehr Manager im Dienste eines Großkonzerns. Der Jüngere, ein studierter Betriebswirt und Absolvent einer renommierten Business-School in Koblenz, hält sich gern im Hintergrund; der Ältere ist weniger scheu und plaudert über Ba­shing, Hype und Player, als rede er übers Wetter von morgen. Der Jüngere ist zuständig für das operative Tagesgeschäft, der Ältere Spezialist für strategische Fragen. „Wir ergänzen uns ideal“, sagt Fabian Heilemann. „Hinzu kommt das gegenseitige Vertrauen unter Brüdern.“

Das brauchen sie. Denn sie arbeiten mit Risiko, schon länger und immer wieder. Im Februar haben sie ihr Unternehmen „DailyDeal“ von Google zurückgekauft. Seitdem bauen sie den 115-Leute-Laden um. Drei weitere Firmen wurden gegründet; darunter eine Beratungsagentur für andere Unternehmen und eine Firma, die ein digitales Kassensystem für die Gastronomie anbietet. Bereits vor ein paar Jahren sind die Brüder zudem ins Investorengeschäft eingestiegen. Sie unterstützen junge Internetfirmen mit Startkapital, Risiko-Startkapital und Wissen. 13 Start-up-Unternehmen stehen derzeit auf ihrer Liste.

Google kauft „DailyDeal

Ihr eigener Erstling, die Firma „DailyDeal“, war Ergebnis einer nüchternen, analytischen Fragestellung. 2008 verließen die Heilemanns die klassischen Berufswege als Unternehmensberater und Anwalt, um endlich Unternehmer zu werden. „Wir wollten selbst Verantwortung übernehmen“, sagt Fabian Heilemann. „Geschäfte machen. Risiko übernehmen.“ Ein Jahr nehmen sie sich Zeit, um etwa 60 Ideen zu testen, darunter auch die deutsche Variante eines amerikanischen Geschäftsmodells namens „Groupon“. Das US-Unternehmen verkauft Gutscheine für den Fitnessklub oder die Autowäsche im Internet. Es bringt Schnäppchenjäger mit Firmen zusammen und streicht satte Provisionen ein. Eine verlockende Idee. Fabian Heilemann hörte von ihr, als er zum Studienaufenthalt im kalifornischen Stanford war.

2009 starten die Heilemanns ihr eigenes Gutschein-Portal, mit erst drei, dann schnell 15 Mitarbeitern in Berlin. Vom Wellnessangebot über die Espresso­maschine bis zum Restaurant- und Zoobesuch - die tägliche Rabattaktion im Internet wird ein Renner. 2010 beschäftigt die Firma bereits hundert Mitarbeiter. 2011 verkauft „DailyDeal“ mit Töchterfirmen in Österreich und der Schweiz Gutscheine im Wert von 16,8 Millionen Euro pro Quartal. Konkurrenten drängen auf den Markt. Der Kampf um Kunden, die ständige Suche nach frischem Kapital bedeutet Dauerstress. Der Druck, erinnert sich Fabian Heilemann, sei enorm gewesen. Und erstmals ist auch die Angst da, zu scheitern.

„300 Mitarbeiter und ihre Familien vertrauten uns und waren auf uns angewiesen.“ Schließlich sprechen die Brüder bei Google vor. Der Konzern ist gerade bei „Groupon“ als Käufer abgeblitzt. Im September wird der Kaufvertrag für „DailyDeal“ unterschrieben, der die Heilemanns zu Millionären macht. Fortan sind sie angestellte Manager bei „DailyDeal“. Zwei Jahre lang die fünfte Ebene unter dem Konzernvorstand. Im Februar 2013 kaufen sie die Firma zurück; der Preis bleibt geheim. „Das Ganze entsprach nicht unserem Naturell. Wir waren nicht glücklich“, sagt der 31-jährige Fabian. Glück?

Es muss noch erwähnt werden, wann die beiden Hamelner das erste Mal entdeckten, dass sie ein Unternehmer-Gen in sich tragen. Der Vater, Michael Heilemann, ist ein renommierter Psychologe, Buchautor und Erfinder eines Anti-Gewalt-Trainings für Strafgefangene. Er fällt als klassisches Vorbild in unternehmerischen Fragen aus. Er versteht sich als „Querdenker“, aber die Frage, wie man mit Geschäften Geld verdient und Märkte erobert, gehört nicht in sein Fach.

Start als Waffelverkäufer

Sein Ältester sagt, er sei einfach mit offenen Augen durch die Welt gegangen. Im späten Teenageralter, als Fabian Heilemann beim Urlaub in Frankreich dem Waffelverkäufer am Strand über den Weg läuft, sieht er zum ersten Mal die Chance, eigenes Geld zu verdienen. Er besorgt sich das Rezept, kauft eine Teigspritze und führt „ChiChis“ in Deutschland ein. Gemeinsam mit seinem Bruder verkauft er die Waffel eine Zeit lang auf Weihnachtsmärkten und Rummelplätzen. Sie machen damit gutes Geld. Und haben Spaß.

Die Kosten-Nutzen-Rechnung fällt heute anders aus. „Der Zeiteinsatz beim ChiChi-Verkauf ist im Verhältnis zu ein paar Tausend Euro Gewinn nicht mehr vertretbar. Wir können nicht mehrere Tage im Büro fehlen und nicht erreichbar sein“, sagt Fabian Heilemann.

Und der Spaß? In der Ecke seines Büros lehnt ein Surfbrett an der Wand. Träumt er davon, eines Tages doch noch als Surfer durch die Welt zu reisen? Oder wie wäre es, einfach die Füße hochzulegen? Er brauche die Selbstbestätigung, sagt Fabian Heilemann. Er habe zwar manche unruhige Nacht, aber die Arbeit bereite ihm noch Spaß. Er spricht von „Optimierung in kleinen Schritten“. Fünf Jahre voraus schauen. Länger geht nicht. Dann sagt er noch, dass er irgendwann eine Familie gründen will. Dass er an manchen Tagen von freien Wochenenden, langen Reisen und Zeit fürs Lesen träumt. „Aber den ultimativen Bigbang? Die Unternehmen verkaufen und dann Schluss? Nein, davon träume ich nicht.“