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22:21 23.11.2011
Für Musikliebhaber ist das Internet seit jeher eine Schatztruhe.
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Dort gibt es Musik zum Anhören – in hoher Qualität und dank eingebundener Werbung häufig kostenlos. Damit könnte jedoch bald Schluss sein, denn die Branche ist in diesen Tagen in Aufruhr geraten. So sehr, dass der Gratismusikgenuss im Netz infrage steht.

So droht einem der populärsten Streaming-Angebote das Aus. Die Plattenfirma Universal Music hat in den USA Klage gegen die Betreiber von Grooveshark eingereicht. Wie der Fachdienst „CNet“ berichtet, verlangt Universal wegen Urheberrechtsverletzungen eine unbefristete Schließungsverfügung – was dem Ende von Grooveshark gleichkäme. Das weltgrößte Plattenlabel wirft Mitarbeitern des Streaming-Dienstes vor, mehr als 100 000 urheberrechtlich geschützte Lieder ins Netz gestellt zu haben, darunter zahlreiche Universal-Songs. Anhand interner Mails will die Plattenfirma sogar belegen können, dass Grooveshark-Chef Samuel Tarantino persönlich fast 2000 Lieder illegal hochgeladen hat. Mitarbeiter seien zudem verpflichtet worden, wöchentlich ein bestimmtes Datenkontingent in das Angebot einzuspeisen, obwohl die Lizenzen für die Musikstücke fehlten. Pro Song verlangt Universal laut „CNet“ deshalb 150 000 US-Dollar Schadensersatz, was einem Streitwert von weit über 100 Millionen Dollar gleichkäme.

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Nun ist es nicht das erste Mal, dass die Legalität von Grooveshark angezweifelt wird. Anders als bei Konkurrenten wie Spotify, Napster und Simfy, die sich durch umfangreiche Lizenzvereinbarungen mit Plattenfirmen rechtlich abgesichert haben, können die Nutzer bei Groove­shark auch Lieder aus der eigenen Musiksammlung hochladen – ein Verfahren, das rechtlich umstritten ist. Bislang hatten sich die Betreiber von Grooveshark deshalb auf ein US-Gesetz berufen, wonach Unternehmen erst dann für von Nutzern begangene Rechtsverstöße belangt werden können, wenn sie davon Kenntnis haben. Sollten die von Universal erhobenen Vorwürfe jedoch stimmen, wäre diese Argumentation hinfällig, da die Rechtsverstöße von den Betreibern selbst begangen worden wären. Der juristische Angriff von Universal hätte dann tatsächlich ein existenzbedrohendes Ausmaß.

Doch auch bei den Gratisangeboten der Konkurrenz rumort es. Vor wenigen Tagen beschnitt der deutsche Streaming-Dienst Simfy, der mit den Worten „100% legal“ wirbt, zum wiederholten Mal den Umfang seines werbefinanzierten Angebots. Ab sofort sind nur noch fünf Stunden Musik pro Monat kostenlos – wer mehr hören will, muss monatlich 4,99 Euro zahlen. Für das Abspielen auf Handys und Tablets werden 9,99 Euro im Monat fällig. Dafür bekommt der Nutzer unbegrenzten und werbefreien Zugriff auf die rund 13 Millionen Lieder der unterschiedlichsten Plattenfirmen. Der US-Konkurrent Spotify verlangt die gleichen Preise in US-Dollar. Seit einer Kooperation mit Facebook müssen Nutzer aber zwingend mit einem Konto bei dem sozialen Netzwerk angemeldet sein.

Den jüngsten Schritt begründet Simfy mit der fehlenden Wirtschaftlichkeit. Man wolle Künstler weiter fair entlohnen, werbefinanzierte Gratisangebote rechneten sich aber nicht, erklärt Unternehmenssprecher Marcus von Husen. Die kostenfreien Angebote sollten Nutzer auf den Musikgeschmack bringen und sie zu zahlenden Kunden machen. Ohnehin gehe es künftig darum, nicht mehr für den Besitz, sondern für den Zugang zu Musik zu zahlen. „Wir sehen das Ende der Gratismusikkultur im Netz“, sagt von Husen.

Doch auch bei den kostenpflichtigen Aboangeboten sind die Streaming-Dienste auf Künstler und Plattenfirmen angewiesen. Die verdienen zwar bei jedem einzelnen Stream, die Gewinnmargen sind jedoch vergleichsweise gering. Nach Branchenschätzungen bekommt ein Künstler für das Abspielen seines Liedes beim Streaming-Primus Spotify gerade einmal 0,000029 US-Dollar, die Plattenfirma erhält 0,0016 US-Dollar.

Rund 200 Independent-Labels ist das zu wenig. Sie kündigten über ihren Verband ST Holdings am Wochenende an, alle Künstler aus den Datenbanken der großen Streaming-Dienste zurückziehen zu wollen, da die Abomodelle den Verkauf von „echten“ Tonträgern kannibalisierten. Es gibt aber auch gegensätzliche Stimmen in der Branche. So brach der Musikdienstleister Finetunes umgehend eine Lanze für die Streaming-Dienste. Gerade kleine Labels sollten die Vermarktungsmöglichkeiten nicht vergessen, die ihnen diese Dienste böten. Es sei besser, mit diesen Diensten zu leben, als ohne sie, heißt es im Finetunes-Blog.

Für die Betreiber von Grooveshark dürften Abomodelle – vorausgesetzt, man gewinnt den Rechtsstreit – hingegen wenig erfolgversprechend sein. Bislang hat Grooveshark nur mit EMI eine Kooperation geschlossen, die nach dem Verkauf des Labels vor einigen Tagen hinfällig geworden sein dürfte. Mit dem neuen Besitzer stehen deshalb wohl Verhandlungen über neue Lizenzen an – und der heißt ausgerechnet Universal.

Frerk Schenker

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