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Digital Der Siegeszug des Online-Selbstverlegens
Nachrichten Digital Der Siegeszug des Online-Selbstverlegens
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11:41 31.08.2012
Amanda Hocking ist durch das Online-Selbstverlegen zur gefeierten Autorin geworden. Quelle: dpa
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New York

Schon immer, erinnert sich Amanda Hocking, habe sie Geschichten erfunden und jedem erzählt, der zuhören wollte. Mit 17 schreibt sie ihren ersten Roman. Aber ein Verleger lässt sich nicht finden und so lernt die heute 28-Jährige aus dem 25.000-Einwohner-Städtchen Austin im US-Bundesstaat Minnesota erstmal Altenpflege. Abends und am Wochenende schreibt sie weiter, bis schließlich fast 20 Romane in ihrer Schublade liegen und sie ihr Schicksal eines Tages selbst in die Hand nimmt.

Im April 2010 bietet Hocking ihre von Fantasy, Science-Fiction, Vampiren und Zombies dominierten Romane erstmals selbst im Internet an. „Ich habe es einfach ausprobiert, um zu sehen, was passiert“, sagt Hocking im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Rund zwei Jahre später hat sie Millionen von Büchern verkauft, Millionen von Dollar auf dem Konto und gilt als Vorreiterin des „Self Publishing“ - einem Trend, der die Buchbranche Experten zufolge völlig verändern könnte. „Ich hätte nie gedacht, dass das alles so kommen würde“, sagt Hocking. Längst sind die Filmrechte verkauft und viele von ihren Büchern weltweit auch in gedruckter Form erschienen. In dieser Woche ist in Deutschland der erste Band ihrer in den USA bereits sehr erfolgreichen Tryll-Trilogie in die Buchläden gekommen.

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Hocking ist vielleicht die bekannteste, aber bei weitem nicht die einzige erfolgreiche „Self Publishing“-Autorin. In den USA hat beispielsweise der Krimi-Schriftsteller Michael Prescott in den vergangenen Jahren Hunderttausende Exemplare seiner E-Books verkauft. „Das ist wie ein Goldrausch im Moment“, sagte der Autor in einem Interview mit der Zeitung „USA Today“. „Es sind die besten Zeiten für einen unabhängigen Schriftsteller, mit seinem Werk an die Öffentlichkeit zu gehen.“ Die Umsätze mit E-Books nähern sich in den USA der Milliardenmarke und machen rund ein Fünftel des Gesamtmarkts aus. In Deutschland ist der Anteil mit rund einem Prozent nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels zwar noch deutlich geringer, aber er verdoppelte sich zwischen 2010 und 2011 - und das, während die Umsätze mit gedruckten Büchern deutlich abnahmen.

„Ich denke schon, dass das E-Book und die Möglichkeiten des "Self Publishing" die Branche grundlegend verändern werden“, sagte der Autor Jonas Winner, der in Deutschland als einer der Vorreiter des Online-Selbstverlegens gilt, in einem Interview. „Bücher werden wesentlich billiger – und sie lassen sich wesentlich einfacher vervielfältigen. Dadurch senkt sich die Schwelle, die neue Ideen überwinden müssen, um Verbreitung zu finden. Ich finde das großartig.“

Der Weg zur Veröffentlichung ist für die Autoren einfach: Sie müssen nur ihr Manuskript in eine bestimmte Form bringen und es dann auf der Online-Plattform eines Lesegeräts - wie beispielsweise dem Kindle von Amazon, dem iPad von Apple oder dem eReader von Sony - hochladen. Um Präsentation, Abwicklung der Verkäufe und Schutz vor Vervielfältigung kümmert sich der Anbieter und behält dafür einen Teil des meist sehr niedrigen Buchpreises. Jonas Winners Thriller „Berlin Gothic“ ist bei Amazon beispielsweise für 0,99 Euro zu haben, Michael Prescotts „Riptide“ für 2,45 Euro. Die traditionellen Verlage bleiben erstmal außen vor.

Aber nicht jedes Buch habe das Zeug zum Online-Bestseller, sagt Star-Autorin Hocking. „Jeder kann auf "Upload" klicken und etwas ins Internet schmeißen, aber ein Produkt zu erstellen, das die Menschen auch wirklich kaufen wollen und das dann auch zu bewerben, ist eine Menge Arbeit.“ Hockings letztendliche Antwort darauf war eine, die Verlegern Mut macht. „Ich habe meinem Agenten gesagt, dass ich mit dem Selbstverlegen aufhören und meine Bücher wieder in die Geschäfte bringen möchte.“ Das Selbstverlegen war für sie ein Sprungbrett.

Denn auch die Verlage können vom „Self Publishing“ profitieren: Sie müssen sich nicht mehr auf ihr Bauchgefühl und einige Testleser verlassen, wenn sie ein Buch herausbringen, sondern können sich aus dem von vielen Lesern bewerteten und durchforschten Online-Buchmarkt die Juwelen herauspicken. „Es ist eigentlich wie früher mit dem Haufen der unverlangt eingesandten Manuskripte“, sagte Hockings dem Verleger Andrew Martin von der „USA Today“. „Der wird durchgesucht und das Beste kommt nach ganz oben. Ich kaufe dann nicht wirklich ein einzelnes Buch, sondern baue eine Karriere mit einem Autor auf.“

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Der Branchen-Star im Interview

Jahrelang schreibt die Altenpflegerin Amanda Hocking (28) nach der Arbeit und am Wochenende Romane. Vampire, Zombies und junge Mädchen in Fantasy-Welten sind ihre Themen. Als sich kein Verleger findet, bietet Hocking die Romane Anfang 2010 im Internet zum Kauf an. Inzwischen hat sie Hunderttausende E-Books verkauft, Millionen damit verdient und Verträge mit Verlegern und Filmstudios in der Tasche. „Ich hätte nie gedacht, dass das alles so kommen würde“, sagt die Vorreiterin des „Self-Publishings“ im Internet im Interview mit der Nachrichtenagentur dpa.

Wie kamen Sie dazu, Bücher zu schreiben?

Seit ich schreiben kann, habe ich Geschichten aufgeschrieben. Davor habe ich mir Geschichten ausgedacht und jedem erzählt, der zuhören wollte. Meinen ersten Roman habe ich mit 17 geschrieben. Ich lasse mich von allem inspirieren, was mir Spaß macht - zum Beispiel Filmen aus den 80er Jahren, Fantasy- und Science-Fiction-Büchern und romantischen Geschichten. Dann hörte ich von Leuten, die ihre Bücher erfolgreich im Internet veröffentlicht haben, und weil nichts anderes funktioniert hat, habe ich das auch gemacht. Auf Facebook, meinem Blog und bei Twitter habe ich Werbung gemacht.

Heute gelten Sie als erfolgreichste Online-Selbstverlegerin der Welt. Wie kam es dazu und wie hat sich Ihr Leben seitdem verändert?

Ich hätte nie gedacht, dass das alles so kommen würde. Ich habe es einfach ausprobiert, um zu sehen, was passiert. Aber ich bin natürlich sehr dankbar für alles, was geschehen ist. Meinen Job habe ich im August 2010 aufgegeben und seitdem arbeite ich als Vollzeit-Schriftstellerin. Aber sonst hat sich in meinem Leben eigentlich nichts geändert. Ich hänge immer noch mit denselben Leuten rum und mache dieselben Dinge, ich muss nur nicht mehr zur Arbeit fahren.

Inzwischen gibt es Ihre Bücher auch in gedruckter Form. Was lesen Sie selbst denn lieber?

Ich mag beides. Ich liebe das Gefühl, ein richtiges Buch zu lesen, aber wenn ich reise oder im Bett lese, sind E-Books super.

dpa

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