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Digital Domscheit-Berg vernichtet geheime WikiLeaks-Daten
Nachrichten Digital Domscheit-Berg vernichtet geheime WikiLeaks-Daten
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09:43 24.08.2011
Von Frerk Schenker
Streitbarer Netzaktivist: Daniel Domscheit-Berg. Quelle: dpa
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Sicherheit ist für einen „Whistleblower“ ein hohes Gut. Wer sich und seine Informationen nicht ausreichend geschützt sieht, der plaudert keine Geheimnisse aus. Wann etwas wirklich sicher ist, darüber lässt sich allerdings vortrefflich streiten – und genau das machen zwei der bekanntesten Köpfe der Szene seit über einem Jahr. Jetzt ist die Auseinandersetzung zwischen Julian Assange, Gründer der Enthüllungsplattform WikiLeaks, und dessen ehemaligen Mitstreiter Daniel Domscheit-Berg in eine neue Runde gegangen. Der Netzaktivist erklärte am Dienstag, dass alle Dokumente vernichtet worden seien, die er bei seinem Ausstieg vor einem Jahr von den WikiLeaks-Servern entwendet hatte.

Domscheit-Berg, der zurzeit die deutschsprachige Enthüllungsplattform OpenLeaks vorantreibt, hatte Assange damals vorgeworfen, nicht genügend für den Schutz der „Whistleblower“ zu tun. Ursprünglich wollte er den Datenträger zurückgeben, sobald Assange und sein Team für die Sicherheit der Dokumente und den Schutz der Informanten garantieren könnten. Jetzt entschied er sich jedoch für das Schreddern der Daten – wegen „gravierender Fehler aufseiten von WikiLeaks bei der Behandlung von Quellenmaterialien“, wie Domscheit-Berg am Dienstag erklärte. Er kritisierte zudem erneut die Veröffentlichung interner Mitteilungen von US-Botschaften durch WikiLeaks. Dies sei „verantwortungslos und grob fahrlässig“ gewesen.

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Das vernichtete Material umfasste nach Angaben von WikiLeaks unter anderem 60.000 E-Mails der rechtsextremen NPD, „Interna von rund 20 Neonazi-Organisationen“ sowie Daten der Bank of America. Auch eine Liste von Personen, denen US-Behörden den Zutritt zu Flugzeugen verwehren, habe zu dem Datensatz gehört, erklärte Wiki- Leaks über den Kurznachrichtendienst Twitter. Das Material bezeichnete WikiLeaks als „unersetzlich“.

Neben den rund 3500 Dokumenten hatte Domscheit-Berg auch die für WikiLeaks entwickelte Software für das anonyme Einreichen von Dokumenten entwendet. Diese ist nach Darstellung Domscheit-Bergs Schöpfung des WikiLeaks-Aussteigers mit dem Pseudonym „Architekt“. Das Programm werde jetzt „in erweiterter und angepasster Form bei OpenLeaks verwendet“.

Während sich die Fronten zwischen Assange und Domscheit-Berg durch die Datenvernichtung weiter verhärtet haben, hofft der deutsche Netzaktivist bei OpenLeaks auf den endgültigen Durchbruch. Bei einem mehrtägigen Test sei es nicht gelungen, die Plattform zu knacken, erklärte Domscheit-Berg. Die Testergebnisse sollen in den nächsten Tagen veröffentlicht werden.

Ruhe erhofft sich Domscheit-Berg auch an einer anderen Front. So will er gegen den Ausschluss aus dem Chaos Computer Club (CCC) nicht vorgehen. Der weltweit renommierte Hackerverein hatte Domscheit-Berg vor zehn Tagen rausgeworfen, weil dieser den Eindruck erweckt habe, der CCC habe „eine Art Sicherheitsüberprüfung“ für OpenLeaks übernommen. Damit habe er den guten Ruf des Vereins missbraucht, hieß es seitens des CCC-Vorstands. Schon damals deuteten beide Seiten jedoch an, dass der eigentliche Grund die damals noch offene Rückgabe der WikiLeaks-Daten gewesen sei. Zumindest dieser Frage hat sich Domscheit-Berg jetzt entledigt – wenn auch nicht so, wie sich das seine Kritiker wohl erhofft hatten.