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Digital Facebook-App soll Nutzer vor Suizid schützen
Nachrichten Digital Facebook-App soll Nutzer vor Suizid schützen
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07:57 10.03.2015
So soll die App aussehen. Nutzer, denen eine Person als gefährdet erscheint, klicken den Button. Ein Expertenteam entscheidet dann, welche Maßnahme ergriffen wird. Quelle: Lysk Nora
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New York

Der Facebook-Status von Paul Zolezzi war unmissverständlich. „Ich bin in San Francisco geboren und habe in Brooklyn mein Leben beendet“, schrieb das 30 Jahre alte, heroinabhängige Model an einem Abend im Februar des Jahres 2009 auf seiner Seite des sozialen Netzwerks. Am nächsten Tag wurde Zolezzi auf einem Spielplatz in der Nähe seiner Wohnung in Brooklyn tot aufgefunden. Er hatte sich erhängt. Sein Eintrag auf Facebook hatte nur eine einzige Reaktion eines „Freundes“ erhalten. „Willst du dich wirklich umbringen oder einfach nur in Brooklyn bleiben? Ich hoffe das Zweite“, schrieb der Kontakt. Bis auf den beiläufig eingetippten Eintrag unternahm der Internetbekannte nichts, um den Suizid zu verhindern.

Der Selbstmord von Paul Zolezzi warf Fragen auf. Fragen über die Tragfähigkeit und Verbindlichkeit von Internetbeziehungen, Fragen über die Einsamkeit im Netz. Vor allem musste sich nach diesem Geschehen, sowie Tausenden von ähnlichen Fällen, Facebook fragen, ob sie hier in der Verantwortung gestanden hätten.  

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Facebook ist nicht das erste ­soziale Medium, das eine solche Hilfe anbietet. Auch die Seiten Reddit und Tumblr haben bereits entsprechende Seiten eingerichtet. Denn soziale Medien sind zu einem bevorzugten Forum für den Austausch über Depressionen und Selbstmordgedanken geworden, und die Betreiber sehen sich immer stärker in der Pflicht, darauf zu reagieren.

Menschen mit Selbstmordgedanken wie Paul Zolezzi sehen soziale Netzwerke häufig als Möglichkeit für einen letzten Hilferuf. „Gefährdete Personen fühlen sich meistens isoliert und einsam“, sagt Jennifer Stuber, die Direktorin von Forefront, einer Organisation für die Entwicklung neuer Methoden in der Selbstmordprävention. Die Tatsache, dass solche Personen die elektronischen Foren nutzen, um sich Hilfe zu suchen, so Stuber, sei eine Gelegenheit, die unbedingt genutzt werden müsse.

Die Frage, wie man diese Gelegenheit am sinnvollsten nutzt, ist allerdings nicht so leicht zu beantworten. Der richtige Umgang mit Selbstmordgefährdeten erfordert ein hohes Maß an Expertise. Wie das beim anonymen Kontakt im Internet zur Anwendung kommen kann, ist bislang noch alles andere als geklärt.

Bei Reddit, dem ersten Anbieter, der auf das Selbstmordproblem reagierte, entwickelte sich die Hilfe organisch. Auf der Website hatten sich von alleine Diskussionsforen zu dem Thema gebildet. Nutzer äußerten gegenüber anderen Nutzern offen ihre Selbstmordgedanken und bekamen Ratschläge. Viele dieser Laienbehandlungen waren jedoch eher gefährlich als hilfreich. Laura, eine Expertin, die geholfen hat, das Forum zu einer wirkungsvollen Beratung umzubauen und wegen ihrer Rolle dort anonym bleiben möchte, sagt: „Die meisten Menschen meinen es gut, machen aber alles falsch, was man falsch machen kann.“ Dazu gehören Belehrungen nach der Art „Suizid ist selbstsüchtig“; dazu gehören strenge Ermahnungen ebenso wie erbauliche Klischees und dazu gehören auch jegliche offenen Diskussionen von Selbstmordmethoden und sei es nur zu dem Zweck, sie der betroffenen Person auszureden.

Facebook indes setzt wie immer auf „Freunde“: Nutzer, die einen bedenklichen Post sehen, können sich mittels der Suizid-App direkt an den Gefährdeten wenden, andere einschalten oder sich an eine Hotline wenden. Ein Expertenteam entscheidet dann, ob und gegebenenfalls welche Art von Intervention angemessen ist. Diese Praxis weckt natürlich bei Facebooks wenig vertrauenswürdigem Umgang mit persönlichen Daten Skepsis. So gibt Facebook selbst zu, dass es durchaus passieren könne, dass Nutzer fälschlicherweise als selbstmordgefährdet gemeldet werden. Doch man tue sein Bestes, lässt das Unternehmen wissen, die Moderatoren so gut wie möglich auszubilden.

Experten glauben derweil, dass in diesem Fall die Vorbehalte gegenüber Facebook unangebracht sind. „Facebook hat eine Verpflichtung hier etwas zu tun“, sagt Pamela Rutledge, Direktorin eines Forschungszentrums für Medienpsychologie in Kalifornien. „Es ist wie in der Schule. Wenn ein Lehrer das Gefühl hat, dass ein Schüler missbraucht wird, dann muss er das melden. Es geht hier schließlich um Leben und Tod.“

Letztendlich unterstreicht das Thema Selbstmord jedoch nur, was man ohnehin über die sozialen Medien vermutet hatte. „Die Facebook-App ist ein gutes Werkzeug“, sagt Lis Horowitz, Forscherin am nationalen Institut für geistige Gesundheit und ergänzt: „Aber den direkten menschlichen Kontakt kann sie nicht ersetzen.“

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