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Hass im Netz: Wie ein Sonderermittler Internet-Hetzer vor Gericht bringt

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10:46 21.07.2019
Christoph Hebbecker nist Staatsanwalt und Leiter der Zentralstelle Cybercrime in Nordrhein-Westfalen. Quelle: Oliver Berg/dpa
Köln

Der Moment, für den Staatsanwalt Christoph Hebbecker arbeitet, kommt am Tag der Hauptverhandlung. Der 34-jährige Jurist steht auf und verliest in der sterilen Atmosphäre des Gerichtssaals eine Serie von Hasskommentaren. Der Angeklagte hat sie in der Anonymität des Internets gepostet – in dem Glauben, niemals dafür belangt werden zu können. Doch jetzt verbinden sich die rechten Hetzparolen mit seinem Namen und Gesicht, und er muss dafür Rechenschaft ablegen.

Zusammen mit einer Kollegin ist Hebbecker seit vergangenem Jahr für das gemeinsam mit der Landesanstalt für Medien NRW initiierte Projekt „Verfolgen statt nur löschen“ zuständig. Das Sonderdezernat ist bei der 2016 gegründeten „Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime Nordrhein-Westfalen“ bei der Staatsanwaltschaft Köln angesiedelt. Es verfolgt gravierende Fälle politisch motivierter Hassrede im Internet. Der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke – nach Todesdrohungen im Internet – hat der Ermittlungsarbeit noch einmal eine zusätzliche Dringlichkeit verliehen.

Auf viele gemeldete Fälle folgt ein Ermittlungsverfahren

Das Sonderdezernat kooperiert mit Medienhäusern wie dem WDR, RTL und mehreren Zeitungen. Redakteure dieser Medien zeigen Hasskommentare in einem einfachen digitalen Standardverfahren an. Sie haben dafür eine spezielle Weiterbildung erhalten, um besser erkennen zu können, was noch vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt ist und was eine Straftat sein könnte. Dazu gehören Volksverhetzung und Aufrufe zur Begehung von Straftaten.

Die Abwägung sei schwierig und habe den Redakteuren anfangs Probleme bereitet, erzählt Hebbecker. Inzwischen seien aber viele schon sehr sicher, so dass „in der überwiegenden Mehrzahl der gemeldeten Fälle“ tatsächlich Ermittlungsverfahren eingeleitet würden. Weitere Fälle meldet das Bundesamt für Justiz, das die Einhaltung des 2017 erlassenen Netzwerkdurchsetzungsgesetzes überwacht.

Alle Beschuldigten sind extrem verwundert über Verfolgung

Dieses Gesetz sieht das Löschen rechtswidriger Inhalte vor. „Allerdings ist nur Löschen für Strafverfolger nie zufriedenstellend“, sagt Hebbecker. „Denn das ist ja so ähnlich wie wenn ein ertappter Ladendieb lediglich aufgefordert würde, die gestohlene Ware nur wieder zurückzulegen.“ Dagegen stellen die Kölner Staatsanwälte den Leitspruch „Verfolgen statt nur löschen“. Die Zahl der Beschuldigten beläuft sich mittlerweile auf etwa 80.

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Sie lassen sich nach Hebbeckers Beobachtung in zwei Gruppen einteilen: Den einen ist gar nicht klar, dass man keineswegs alles sagen darf, was man will. Die anderen ahnen es zwar, rechnen aber nicht mit einer Verfolgung. Hebbecker: „Ich habe noch keinen einzigen Beschuldigten getroffen, der bei einer Durchsuchungsmaßnahme gesagt hat: „Naja, das musste ja so kommen.“ Sie sind alle extrem verwundert und fragen: „Was ist denn jetzt los?““

Mehr Frauen „als ich gedacht hätte“

Die Beschuldigten stammten aus der ganzen Republik, erläutert Hebbecker. Darunter seien mehr Männer als Frauen, „aber mehr Frauen als ich gedacht hätte“. Ältere Männer seien überrepräsentiert, was aber auch daran liegen könne, dass sie tendenziell weniger gut darüber Bescheid wüssten, wie man im Internet anonym bleiben könne.

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So durchsuchte die Staatsanwaltschaft vor einiger Zeit die Wohnung des Inhabers eines kleinen Elektrobetriebs. Er hatte im Internet zu Gewalt gegen Flüchtlinge und Bundeskanzlerin Angela Merkel aufgerufen. „Unrechtsbewusstsein gleich null“, schildert Hebbecker. Der Mann wurde zu acht Monaten auf Bewährung verurteilt und ist damit jetzt vorbestraft.

Es geht um radikale Aufrufe zu Hass und Gewalt

„Stasi-Hebbecker“ muss er sich dafür im Netz schon mal nennen lassen. Der Sonderermittler weist das entschieden zurück. „Kommentare wie „Ich mag keine Flüchtlinge“, „Schiebt sie alle wieder ab“ oder „Merkel muss weg“ sind für uns in keiner Weise relevant“, betont er. Es gehe ausschließlich um radikale Aufrufe zu Hass und Gewalt. „Ein Eingriff in die Meinungsfreiheit ist es doch wohl eher, wenn ganze Kommentarspalten abgeschaltet werden müssen, weil die Redakteure die Löschung der Hasskommentare einzeln nicht mehr bewältigen können.“ Woher der Hass kommt? Das ist eine Frage, die auch Hebbecker beschäftigt. Eine Antwort hat er bisher nicht gefunden.

Nordrhein-Westfalen ist nicht das einzige Bundesland, das zurzeit gegen das Phänomen Hatespeech aufrüstet: So baut Hessen zusätzliche Stellen dafür bei seiner Zentralstelle zur Bekämpfung von Internetkriminalität (ZIK) auf. In Bayern sollen Medienunternehmen spätestens vom Herbst an leichter Strafanzeige wegen Hasspostings erstatten können. Justizminister Georg Eisenreich (CSU) formulierte dafür als neue Leitlinie: „Erst anzeigen, dann löschen!“

Von RND/dpa

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