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Digital re:publica 2019: Warum Standortdaten zur Gefahr werden können
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Interview Tracy Rolling: re:publica 2019: Warum Standortdaten zur Gefahr werden können

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17:15 07.05.2019
Nicht nur Google Maps, eigentlich alles hat heute eine Orts-Komponente, sagt Tracy Rolling. Quelle: Patrick Sison/AP
Berlin

Jahrzehntelang sammelte man Verkehrsdaten, indem man Autos über ein Kabel auf der Straße fahren ließ. Das verriet einer Stadt, wie viele, wie schwere Fahrzeuge, welche Kreuzung zu welcher Zeit befuhren. Heute gibt es viel mehr Datensammler. Unsere Smartphones sind ein laufendes Sensoren-Netzwerk, unsere Autos auch.

Besonders interessant, sagt Tracy Rolling, sind dabei Standortdaten. Sie ist Experience Director beim finnischen Innovations- und Ingenieurunternehmen Futurice und Rednerin bei der re:publica 2019 in Berlin. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland erklärt Rolling, warum Standortdaten nie wirklich anonym sind und nicht in die falschen Hände fallen sollten.

Wenn wir das Wort „Standortdaten“ hören, dann denken wir zum Beispiel an unser Smartphone und Google Maps. Wo sonst werden noch Standortdaten erhoben?

Eigentlich alles hat heutzutage eine Orts-Komponente. Rund 80 Prozent der Unternehmen, die mehr als 500 Mitarbeiter haben, sammeln in irgendeiner Form Standortdaten über ihre Kunden. Fotos, Verkehr, Energieverbrauch, Wetter – das alles wird besser, wenn man Standortdaten dazu erhebt.

„Man erfährt, ob jemand Hanf im Keller anpflanzt“

Inwiefern besser?

Nehmen wir das Beispiel Energieverbrauch: Wenn man weiß, wie viel Energie eine Stadt verbraucht, dann weiß man, dass eine Stadt mehr oder weniger Energie pro Kopf verbraucht als eine andere. Das ist hilfreich, man kann dann versuchen, herauszufinden, warum das so ist. Aber wenn Sie stattdessen wissen, dass in einer Wohnung viel mehr Energie verbraucht wird, als in einer anderen, dann kann man zum Beispiel etwas über die Isolation von Gebäuden erfahren – oder dass jemand im Keller Hanf anpflanzt. Je präziser die Ortsangaben zu einem Datenset sind, desto nützlicher ist es.

Kann man von einzelnen Standortdaten auf eine bestimmte Person zurückschließen?

Standortdaten sind nie wirklich anonym. Nimmt man sich für einen Nutzer – selbst wenn er nicht mit Namen, sondern nur einer einzigartigen Nummer dort gespeichert ist – fünf Datenpunkte aus einer entsprechenden Datenbank, ist es wirklich einfach, herausfinden, wer das ist. Denn wir gehen in der Regel nicht an so viele verschiedene Orte.

„Selbst wenn man ausschaltet, ist man weiter verbunden“

Wenn ich also jeden Tag von zu Hause nach der Arbeit und dann wieder zurückgehe – dann schaffe ich ein einzigartiges Muster?

Ja. Das heißt nicht, dass jeder herausfinden kann, wer Sie sind, nur weil Sie eine Karten-App nutzen. Aber wenn jemand die Kartendienste dazu zwingen würde, die Daten herauszugeben, dann könnte er das wissen.

Produziere ich Standortdaten, auch wenn ich das GPS an meinem Smartphone ausstelle?

Ja, natürlich. Selbst wenn man keine Location-Services nutzt und auch das Wifi und GPS ausschaltet und darüber hinaus keine Fotos oder irgendetwas geotaggt, ist man immer noch mit den Mobilfunktürmen verbunden. Damit kann nicht jeder herausfinden, wo Sie sind, aber die Regierung und die Polizei kann es. Lebt man in einer Demokratie, brauchen sie dafür einen guten Grund. Aber wenn man nicht in einer Demokratie lebt, dann gibt es keine Möglichkeit, sie zu stoppen.

„Um das Thema schweren – das wäre ein guter Anfang“

Was wäre denn das schlimmste Szenario für den Gebrauch dieser Daten?

In Europa und in den Vereinigten Staaten glaubt niemand, dass jemals ein autokratischer Herrscher wieder an die Macht kommen könnte. Viele denken, dass Fortschritt in eine Richtung läuft. Das ist absurd. Die Vorstellung, dass das nicht mehr passieren kann, ist verrückt.

Und Sie haben Angst vor den Möglichkeiten, die ein Diktator mit diesen Daten hätte?

Ja, absolut. Wenn da wer ist, der die Presse und Opposition vernichten möchte, dann wird das leichter als je zuvor sein. Und es wäre viel schwerer für eine Gegenbewegung, sich zu gründen.

Was sollten wir also tun?

Uns um das Thema scheren – das wäre ein guter Anfang.

„Was, wenn Google die Infrastruktur einer Stadt besitzt?“

Aber kann ich als Nutzer etwas tun, außer mein GPS auszuschalten – was ja auch nicht wirklich etwas hilft?

Das ist wirklich schwer. Ich bin selbst nicht gut darin und nutze immer alle meine Location-Services. Aber wenn Menschen sich um das Thema kümmern und ihr Konsumverhalten daran ausrichten würden, dann würde das einen Unterschied machen – nicht nur bei Standortdaten, sondern Privatsphäre allgemein.

Wie könnten wir als Gesellschaft von diesen Daten besser profitieren?

Diese Entwicklung kommt ja nicht, weil sie unvermeidlich ist, sondern weil sie offensichtliche ökonomische Vorteile mit sich bringt. Aber wir sollten uns schon fragen, was es bedeutet, wenn beispielsweise Google die Infrastruktur einer Stadt besitzt. Im besten Fall gäbe es aber viel mehr effektiven, informierten Aktivismus in Bereichen wie Privatsphäre, Smarte Städte oder auch Smarte Autos.

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Von Anna Schughart/RND

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