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„Lieber Firma Apple...!“ – der offene Brief eines enttäuschten Kunden

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22:31 03.06.2019
„Du bist eine Schlange. Ich bin ein Kaninchen. Wir sind keine Freunde“: Das Apple-Logo steht für Innovation und Mut – dem Konzern scheint das Geldverdienen inzwischen wichtiger zu sein. Quelle: imago

Liebe Firma Apple,

Wir kennen uns nicht näher. Das heißt: Ich kenne Dich aus ein paar Werbevideos, in denen Jony Ive albernen Schmusetext raunt. Du kennst mich von den Daten auf deinen Servern. Ich bin einer von denen, die dir in den letzten Jahren eine Menge Geld überwiesen haben. Ich hab’s mal überschlagen: Es dürften so um die 6000 Euro gewesen sein, für iPhones, iPads und so. Ich will das Geld nicht zurück. Das war okay für mich, so lange du mir das Gefühl gegeben hast, dass es nicht allein das Geldverdienen ist, das dich antreibt. Dass es dir auch darum geht, cooles Zeug zu bauen, das coole Sachen kann.

Du willst mein Geld, nicht meine Liebe

Ich habe das lange geglaubt. Ich dachte nichts Böses von dir. Du hattest mich in einer Art emotionaler Beugehaft. So wie ein Kaninchen vor einer Schlange vielleicht auch kurz glaubt, dass die Schlange gar nichts Schlimmes will, sondern nur einen Kumpel sucht zum Schlangensachen machen. Aber jetzt weiß ich: Du suchst keinen Kumpel. Du bist eine Schlange. Ich bin ein Kaninchen. Wir sind keine Freunde. Du willst mein Geld, nicht meine Liebe.

„Think different?“ Am Arsch. Du bist nicht anders als die anderen. Du hast einfach nur die Monetarisierung des Andersseinwollens zur Perfektion getrieben. Und ich bin darauf reingefallen.

Allein dieses Keynote-Ritual, Apple. Du erzählst glücksbesoffenen Bloggern und embeddeten Tech-Journalisten, was es Neues gibt. Dass es im Prinzip seit 2013 nichts Neues gibt: geschenkt. Nicht mal du kannst alle paar Monate mit einer Jahrhunderterfindung um die Ecke kommen. Schon okay. Aber diese ständigen Behauptungen, dieses pseudodemütige Parlando deiner charming Bosses, diese überdrehte Lockerheitslyrik öden mich inzwischen heftig an.

Alle lächeln, niemand hat jemals Bauchweh

Eine Keynote von Apple ist wie ein passiv-aggressives Abendessen bei einer dysfunktionalen Familie. Niemand sagt die Wahrheit. Makel sind nicht vorgesehen. Alle lächeln, niemand hat jemals Bauchweh oder Schnupfen. Und die struppige Punk-Tochter ist gar nicht erst eingeladen, seit sie damals behauptet hat, der Kartoffelbrei schmecke säuerlich.

Neu! Aufregend! Anders! Die Menschheit steht kurz vor der Erlösung von Krieg, Krankheiten und aufgebrauchtem Highspeed-Volumen! Apple hat ein neues Dingsbums gebaut, und es kann ganz dolle Sachen (Quelle: Internet). Kaufen Sie dieses Telefon, es ist sehr gut! Und wenn der künstlich verknappte Kram dann in die Läden kommt, werden wieder 48 Fotografen aus alter Gewohnheit vor irgendeinem Apple Store die letzten drei wartenden Nerds auf Liegestühlen fotografieren. Wirkt das nicht langsam anachronistisch? Ich erinnere mich gern an das Bild eines Mannes, der 1995 jubelnd mit einem „Windows 95“-Paket aus einem Laden stürmte. Ich wünsche mir, dass im Einzelhandel überhaupt mehr gejubelt wird. Ein Roggenvollkornbrot mit Sesam, geschnitten – juchhu! 200 Gramm grobe Leberwurst im Naturdarm – jippieh! Feuchtes Toilettenpapier, dreilagig, in der Familienbox – mein Leben hat wieder einen Sinn!

Du verhältst dich wie eine zickige, gierige Diva

Inzwischen lässt du dich in deiner Not ja sogar feiern für Dinge, die du abschaffst. iTunes soll also Geschichte sein. Die Wahrheit ist doch: Du hast viele Jahre und eine Million wütender Kundenkommentare gebraucht, bis auch du endlich gemerkt und zugegeben hast, dass iTunes eine überladene, lahme, von Spinnweben durchzogene Rumpelkammer geworden war. Nichts daran war mehr smart und cool. iTunes war so smart und cool wie Bubble Tea mit Strohhalm.

Mit Verlaub, Apple: Du verhältst dich nicht wie der coolste und immer mal wieder wertvollste Konzern des Planeten. Sondern wie eine zickige, gierige Diva, die nicht auftritt, solange sie nicht 1000 weiße Dahlien, zehn Kisten Weißwein und einen Tigerprint-Teppich in der Garderobe hat. Du tust weiterhin geschmeidig, es läuft finanziell ja auch ganz prima. Du musst Geld verdienen, du bist an der Börse, du bist kein Wohltätigkeitsverein, ist doch klar.

Aber warum verklagst du dann sympathische kleine Cafés, die zufällig einen Apfel im Logo haben? Warum holst du dann noch den allerletzten Dollar aus deiner Kundschaft? 1600 Euro für ein Telefon? Willst du mich verarschen? Warum trittst du so unsympathisch, arrogant, geldgierig, kleinlich und humorlos auf, dass es unmöglich ist, angesichts deiner immer noch leidlich tauglichen Produkte ein loyaler Kunde zu bleiben? Da hilft es auch nicht, dass deine Chefs wirken, als joggten sie jeden Morgen um 4 Uhr 20 Kilometer, tränken dann ein Gläschen Gerstengrassaft und trügen vor lauter juveniler Unangepasstheit lustige Sneakers.

Eine ganz normale Milliardenmaschine

Weißt du noch, als du noch der „Gute“ warst? Der coole, smarte, innovative, fröhlich abgezockte Gegenspieler zum alten Recken Microsoft? Ungefähr vor 1000 Jahren? Locker im Knie wie ein gereifter Star-DJ, dem auch aufstrebende Popsternchen wie Google, Amazon und Facebook nicht die Mädchen wegnehmen können? Und dann passierte etwas. Es war, als habe Steve Jobs zu seinen Lebzeiten die Kratzer im Lack nur überstrahlt, als sei plötzlich sichtbar geworden, dass Apple gar nicht der kultige Riese aus Kalifornien ist, sondern eine ganz normale neokapitalistische Milliardenmaschine.

Als du gemerkt hast, dass die Leute nicht mehr jedes Jahr ein neues iPhone kaufen, hast du zwei Dinge getan: Du hast die Preise erhöht. Und du hast die Meldung der Verkaufszahlen gestoppt. Damit niemand merkt, dass es weniger iPhones sind als bisher. Findest du das nicht selbst ein bisschen peinlich?

Der Todeskuss von Steve Wozniak

Es gehört zu den üblichen Reflexen der Mediengesellschaft, dass auf einen Hype ein „Setback“ folgt, ein medialer Rückschlag. Auf der Sinuskurve der Erregung muss auf Sonnenschein zwingend Regen folgen. In deinem Fall aber, Apple, war die Suche nach wunden Punkten jahrelang erfolglos. So sehr man auch grub – selbst die strenge Technik-Journaille in den USA förderte in den Nullerjahren kaum Makel zutage. iPod, iPhone, iPad – alles flutschte, jahrelang. Und niemanden schien zu stören, dass die Voraussetzung für all die Wow-Effekte, für all die Perfektion, ein in sich geschlossenes System aus Hard- und Software war, ein geradezu stalinistisches Durchregieren bis hinein in die Gewohnheiten und Routinen von Millionen Kunden war. Dass die Apple Watch als Prestigeding schon nicht mehr so richtig funktionierte, weil sie halt doch ziemlich klobig und doof aussieht, hat dich nicht weiter belastet.

Der Todeskuss kam dann von dem Mann, der einst den „Mac“ erfand. Steve Wozniak, für viele Fans der „Papa Bär“ der Szene, vermisste schon vor Jahren deine Innovationskraft. „Siri versteht mich nicht, wie immer“, sagte er. Inzwischen ist nichts besser geworden. Siri ist immer noch eine nervtötende alte Brotspinne. Während Amazons Alexa die neue heiße Troubleshooterin im Assistentinnenreigen ist.

Vom Prinzip her funktioniert Apple wie Nordkorea

Markenpflege auf deinem Level, Apple, folgt ähnlichen Regeln wie eine Religionsgemeinschaft – bei dir sind es die Apple Shops als postmodernen Sakralbauten und die reliquienhaft präsentierten Waren. Eine Jesusfigur hilft beim Verkaufen, du hast das mit Steve Jobs lupenrein vorgemacht: ein diktatorisches Alphatier, feste Rituale, klare Botschaften. Vom Prinzip her funktioniert Apple wie Nordkorea.

Es gibt eine feine Anekdote rund um deine neue Firmenzentrale, das kreisrunde Ufo „Apple Campus 2“, das natürlich größer ist als das Pentagon, aber total unprotzig tut, weil Protz gerade total uncool ist bei den urbanen Hipstern, aus deren Lastenfahrrädern Porreestangen ragen. Das ganze Ding wirkt wie eine Sektenzentrale. Und in der Lobby des Steve Jobs Auditoriums scheuchen elfengleich strahlende Mitarbeiter die Besucher die gläsernen Treppen herunter. Gehirngewaschen wirkt das alles. Als verfügten Apple-Mitarbeiter nur über 26 vorprogrammierte Sätze.

Ich will dein Zeug gerne mögen

Es gibt da eine schöne Anekdote: Um ein Haar hätte sich Steve Jobs ausgerechnet mit seinem Prestigebau blamiert. Der ursprüngliche Plan sah ein Gebäude mit gewundener, taillierter Grundform vor. Eines Abends jedoch, als Jobs die Entwürfe stolz beim Abendessen seiner Familie präsentierte, scherzte sein Sohn Reed, das Ganze sehe von oben aus wie männliche Genitalien. Am nächsten Morgen bat Jobs seine Architekten zum Rapport. Ich sage mal so, Apple: Ein ehrlicher Penis würde heute besser zu dir passen als diese ganze falsche Bescheidenheit.

Klar: Dass ich dir schreibe, verrät schon, dass du mir noch nicht vollständig egal bist. Es gibt ja auch immer noch Leute, die die SPD wählen. Es gibt da eine emotionale Verbindung. Aber die Enttäuschung ist groß, in beiden Fällen. „Enttäuschung“ ist wörtlich gesehen das Ende einer Täuschung. Es könnte aber auch der Beginn einer ehrlicheren Beziehung sein. Ich fänd’s toll. Ich will dein Zeug gerne mögen. Das ist ein hohes Gut für eine Firma. Verzock’s nicht.

Von Imre Grimm

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