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Digital "Jessica Jones": Fliegen wird überschätzt
Nachrichten Digital "Jessica Jones": Fliegen wird überschätzt
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20:37 19.11.2015
Eine Einzelgängerin mit besonderen Kräften: Krysten Ritter als Jessica Jones in der gleichnamigen Netflix-Serie. Quelle: Netflix/dpa
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Hannover

New York ist die Stadt, die herumschläft. Solche Städte bedeuten gute Geschäfte für Privatdetektive wie Jessica Jones. Sie findet allnächtlich den Schmutz, den ihre Klienten fürchten und begehren. Sie sitzt auf Dächern, Balkonen und Simsen und fotografiert durch die Fenster Sex, Gewalt, Geheimnisse. Dazu steigt Dampf aus den Gullys und U-Bahn-Schächten, und eine Trompete lässt ihre Jazzschwaden durch die winternassen Straßen schweben.

Eine Superheldenstory

Das hier ist bester Film noir, ein New York, in dem selbst die Schatten schießen. Die von Krysten Ritter (bekannt als Jesses Freundin aus "Breaking Bad") gespielte Jones passt da rein, eine schneewittchenblasse, stets sehr verletzt dreinblickende Ostküstenschwester von Sam Spade und Philip Marlowe.

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Und doch ist "Jessica Jones" – nach "Daredevil" die zweite gemeinsame Serie vom Streamingdienst Netflix und dem Comic-Imperium Marvel – eine als Detektivgeschichte verkleidete Superheldenstory. Denn Jones war mal Jewel, eine von den kostümierten Lachnummern aus dem Marvel-Kosmos. Sie kann immer noch leidlich fliegen, Autos mit bloßer Hand anheben und die Stahlbeine von Verhörraumstühlen verbiegen. Aber sie tut es nur selten.

Extrem coole Katze

Ihr silbriger Kampfdress wird auch irgendwann in die Kamera gehalten, er sieht albern aus wie Agnetha Fältskogs ABBA-Look zu "Take a Chance on Me"-Zeiten. Gut, dass sie zu Jeans, Kutte und Lederjacke gewechselt ist. Darin erinnert sie an die schwedische Punk-Ermittlerin Lisbeth Salander. Ritter ist eine extrem coole Katze.

Die erste weibliche Superheldenhauptrolle hat Jones in den USA knapp verfehlt, dort startete vor drei Wochen bei CBS die DC-Konkurrentin "Supergirl" – wie "The Flash" aus gleichem Hause eine stark an ihre Comicwurzeln erinnernde, bunte Actionsause.

Die Cliffhanger sitzen

Jones, die erst 2001 in der Comicserie "Alias" die Welt von Marvel betrat, vermag ihr Publikum aber schneller zu binden. Die Mischung aus realistischem Setting, düsterer Crime-Story und dezent, aber höchst wirkungsvoll eingestreuten Momenten des Übernatürlichen schlägt in Bann, die Cliffhanger sitzen in allen sieben von 13 Folgen, die der Presse zur Vorabsichtung überlassen wurden, perfekt. Und dann ist da noch Marvels wundersamer Wagemut. Erstmals gibt’s hier nämlich Sex, der auch so aussieht, und mit "Matrix"-Star Carrie-Anne Moss eine bekennende Lesbierin in einer tragenden Rolle.

Wichtig ist im Reich der Kraftmeier immer der Bösewicht. Der trägt hier mit Kilgrave schon einen an Gruft und Verderben gemahnenden Namen wie Lord Voldemort (Harry Potter) oder Moriarty (Sherlock Holmes). Kilgrave alias Purple Man ist nicht violett wie in den Comics, er trägt nur zuweilen Garderobe in dieser Farbe.

Dämonischer Gegner

David Tennant, eindrucksvoll als Voldemorts Diener Barty Crouch Jr. in der Verfilmung von "Harry Potter und der Feuerkelch", spielt das Pendant zu Joker aus der DC-Schmiede smart und sehr, sehr dämonisch. Seine Superkraft ist die Willenskontrolle. Jessica war über Monate in seiner Gewalt, danach war sie gebrochen, gab das Heldendasein auf.

Kilgrave glaubt sie zu lieben. Und so stürzt Jones über ihren neuesten Fall zurück in den Albtraum ihres Lebens. Und wir stürzen mit, glücklich, gespannt, völlig willenlos. Könnte es sein, dass Kilgrave auch das Publikum in seiner Gewalt hat?

Von Matthias Halbig

Jessica Jones | Netflix
Serie, Comicverfilmung
ab Freitag alle 13 Folgen auf Netflix
Bewertung: Fünf von fünf Sternen

★★★★★

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