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Digital Stiellose Touristen
Nachrichten Digital Stiellose Touristen
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09:25 14.03.2015
Quelle: Britta Pedersen
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In der Geschichte menschlicher Körpermaßrekorde nimmt Robert Wadlow einen Ehrenplatz ein: Der 2,72 Meter große „sanfte Riese“ aus Illinois hatte eine Armspannweite von 2,88 Metern. Das ist vergleichsweise viel. Hätte Wadlow damals statt Bradley Cooper das Selfie von der Oscar-Verleihung gemacht, hätte halb Hollywood locker mit draufgepasst. Leider starb Wadlow 1940 und hat den globalen Boom der exzessiven Egofotografie nicht mehr erlebt.

Einen Selfie-Stick jedenfalls hätte der Mann nicht gebraucht. Selfie-Sticks sind der verlängerte Arm des Arms. Sie sorgen dafür, dass auf Smartphone-Gruppenselbstporträts nicht bloß der Fotograf, sein überpräsenter Oberam, der Scheitel seines Nebenmannes und das linke Auge eines Dritten zu sehen sind, sondern Teile weiterer Gruppenmitglieder und im Bestfall sogar die pittoreske Backsteinkirche oder die Louvre-Pyramide im Hintergrund. Selfie-Sticks sind das nächste Höllengezücht der Smartphone-Zubehörindustrie, geschaffen für digitale Selbstdarsteller, die sich bisher vor dem Eiffelturm, der Mona Lisa oder einem Plakat der Boyband One Direction fast die Schulter auskugelten.

Früher hat man Passanten um Hilfe gebeten, um ein Foto machen zu lassen. Heute kauft sich der twitternde Tourist lieber eine überteuerte Teleskopstange, als auf offener Straße wie seit der Steinzeit üblich mit den Mitteln der menschlichen Sprache Kontakt zu seinen Mitmenschen aufzunehmen. Das deckt sich mit einer schottischen Facebook-Studie, wonach das häufige Posten von Selfies mit schwacher sozialer Integration einhergeht und reale Sozialkontakte bedroht.

Ersten Museen sind die sperrigen Knips-Krücken ein Dorn im Auge. Vor allem US-Häuser – wie das New Yorker Museum of Modern Art, das Smithsonian Luft- und Raumfahrtmuseum in Washington oder das Getty Center in Kalifornien – verbieten Selfie-Sticks streng. Sie fürchten nicht um die Qualität der Fotos von der Stange, sondern um die Privatsphäre unbewaffneter Museumsbesucher sowie die Unversehrtheit ihrer Ausstellungsstücke („Ach, das hier ist diese Mona L...? – ratsch – oh.“). „Es ist eine Sache, wenn man von einer Armlänge aus ein Foto macht“, sagte Sree Sreenivasan vom Metropolitan Museum in New York, „aber wenn es drei Armlängen sind, dann dringt man in den persönlichen Raum von jemand anderem ein.“

In der Biologie spricht man vom „Affenindex“, wenn es um das Verhältnis von Körpergröße und Armlänge geht. Im Prinzip haben Schimpansen mit ihren langen Armen den perfekten Körper für stocklose Selfies. Umgekehrt macht ein Selfie-Stick durch die Veränderung des „Affenindex“ jeden Fotografen zum Schimpansen. Natürlich rein proportional-anthropometrisch gesehen.

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