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Digital Weltpremiere: Smartphone-KI vollendet Schuberts Sinfonie Nr. 8
Nachrichten Digital Weltpremiere: Smartphone-KI vollendet Schuberts Sinfonie Nr. 8
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10:27 13.02.2019
Konzert mit Smartphone: Die Uraufführung in der Londoner Cadogan Hall.
Konzert mit Smartphone: Die Uraufführung in der Londoner Cadogan Hall. Quelle: Huawei
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London

Das Konzert war ein voller Erfolg, der Kritiker begeistert. „Dieser ganze Satz ist ein süßer Melodienstrom, bei aller Kraft und Genialität so krystallhell, daß man jedes Steinchen auf dem Boden sehen kann“, schreibt Eduard Hanslick über den Anfang der h-Moll-Sinfonie von Franz Schubert. Doch, klagt der Kritiker: „Wir müssen uns mit zwei Sätzen zufrieden geben (...)“. Denn die Sinfonie, die erst 1865 und damit Jahrzehnte nach dem Tod ihres Komponisten uraufgeführt wurde, hat nicht wie üblich vier Sätze. Die letzten beiden fehlen. Deshalb steht das „h-Moll-Sinfonie“ auch nur klein auf dem Erstdruck von 1867. Eigentlich ist es „Die Unvollendete.“

2019 gibt es in London wieder eine Weltpremiere. Gespielt wird wieder Schubert, wieder die Sinfonie in h-Moll – nur dieses Mal bleibt sie nicht unvollendet. Es ist von Anfang an kein gewöhnliches Konzert. Eingeladen hat Huawei, der chinesische Smartphone-Konzern. Auf der Bühne zwischen den Musikern des English Session Orchestra stehen Leuchtröhren, die in Rot und Weiß optisch untermalen, was akustisch passiert. Über der Bühne prangt ein weißes Huawei-Logo. Im Publikum sitzen ungewöhnlich viele junge Menschen. Viele von ihnen Influencer, die kein Problem damit haben, während eines Konzerts das Smartphone zu zücken und Fotos zu machen oder zu filmen. Am Ende stehen sie begeistert auf und jubeln.

Das Orchester in der Londoner Cadogan Hall Quelle: Huawei

20 Minuten schreiben Musikgeschichte

Doch das mit Abstand außergewöhnlichste an diesem Abend ist das Stück, das hier gespielt wird. Nicht die ersten beiden Sätze der „Unvollendeten“, Evergreen der klassischen Musik, sondern die restlichen knapp 20 Minuten des Konzerts. Egal wie man sie musikalisch bewertet, sie schreiben Musikgeschichte: Als wohl erste Sinfonie, die aus der Zusammenarbeit einer künstlichen Intelligenz (KI) mit einem Menschen entstanden ist.

Einige Stunden bevor die ersten Töne erklingen sitzt Lucas Cantor, der menschliche Teil des Duos, in der Londoner Cadogan Hall und erzählt gut gelaunt, wie das so ist, mit einer KI zusammenzuarbeiten. Es klingt traumhaft: „Es war wie einen Mitarbeiter zu haben, der niemals müde, niemals schlecht gelaunt ist, dem nie die Ideen ausgehen.“

KI wird mit Schuberts Stücken gefüttert

Den eigentlichen Schaffensprozess kann man sich ungefähr so vorstellen: Die KI auf dem Smartphone (das Huawei Mate 20 Pro) wurde erst mit einigen Stücken von Schubert gefüttert. Auf diese Weise sollte die KI sozusagen die DNA von Schubert verinnerlichen, verstehen, was seine Werke ausmacht. Anschließend erhielt die KI den Auftrag, die h-Moll-Sinfonie weiter zu denken, Melodien zu schreiben, die Schubert hätte schreiben können. Das tat sie schnell und zahlreich – mal brauchbar, mal weniger.

Cantor wählte aus dem Angebot Geeignetes aus, fügte zusammen und arrangierte das ganze für ein Orchester. Nach einiger Zeit entstand sogar eine gewisse Verbundenheit zu seiner KI-Partnerin: „Wenn sie Melodien erzeugte, die ich mochte und verwenden wollte, wollte ich sie gerne auf einen Drink einladen und sagen, dass sie einen guten Job macht.“

Wollte Schubert die Sinfonie beenden?

Es ist nicht klar, ob Schubert seine Sinfonie beenden wollte. Es gibt Skizzen für einen dritten Satz, aber auch eine von Schubert verfasste und aus der Hand gegebene Reinschrift der beiden ersten Sätze, die zeigen, dass sie eine gewisse Gültigkeit für ihn hatten. Es ist auch nicht klar, warum Schubert die Arbeit an seiner Sinfonie ursprünglich unterbrach – nur dass das in dieser Phase seines Schaffens nichts ungewöhnliches war. „Einige Musikwissenschaftler glauben, dass er die Sinfonie vielleicht liegen gelassen habe, weil die ersten beiden Sätze dermaßen ungewöhnlich für die Zeit waren, dass es in dieser selben Ungewöhnlichkeit nicht weitergehen konnte“, erklärt die Musikwissenschaftlerin Marie-Agnes Dittrich.

Richtig in Ruhe lassen konnte man die unvollständige Schubert-Sinfonie aber nie. Schon bei der Uraufführung wurde ein dritter, fremder Satz hinzugefügt. Dittrich überzeugen diese und spätere Versuche jedoch nicht: „Wir wissen nicht, was Schubert getan hätte, damit müssen wir uns abfinden.“

Ergebnis klingt nach Filmmusik

So wie im Jahr 2019 hätte Schuberts Version wahrscheinlich nicht geklungen. In der jetzt vollendeten KI-Sinfonie ist zwar etwas Schubert drin, am stärksten erinnert das Endergebnis aber an Filmmusik. Vielleicht, weil Cantor selbst viel Film- und Fernsehmusik geschrieben hat. Hätte ein anderer Komponist mit der KI zusammengearbeitet, das Ergebnis klänge anders. Er sei überrascht gewesen, dass die ersten Melodien der KI etwas moderner waren, als es im frühen 19. Jahrhundert üblich gewesen sei, sagt Cantor. Das zeige, dass Schubert die Sinfonie vielleicht beendet hätte, wenn er noch zwanzig, dreißig Jahre länger gelebt hätte. Die Basis – das lege zumindest die KI nahe – war schon da.

Doch selbst dann wäre der Weg dorthin ein anderer gewesen. Die Melancholie beispielsweise, die bei Schubert spürbar wird, diese Dunkelheit, kannte er selbst. Es ist vielleicht zu simpel, menschliche Kreativität komplett über die Biografie ihrer Erschaffer, traurige Musik über leidgeplagte Erlebnisse erklären zu wollen – im Gegensatz zu einer KI hat ein Mensch aber zumindest Gefühle. „Ich habe die Emotionen generiert“, sagt Cantor dazu. „Ich habe die Gefühle in das Stück gesteckt.“

Macht der Mensch einen Unterschied?

Im Gegensatz zu einer KI erlebte Schubert wohl auch den Spaß der intellektuellen Herausforderung, etwas völlig Neues zu schreiben. Einer KI ist das egal. Die Frage, die dieser Konzertabend deshalb aufwirft, ist daher weniger: Können KIs irgendwann selbstständig Sinfonien schreiben? Sondern: Ist es das Gleiche, wie wenn dies ein Mensch tut? Macht der Mensch mit allem, was er mitbringt, einen Unterschied?

Ja, hat der Künstler Nick Cave kürzlich einem Fan geantwortet, der ihn das fragte. Wenn wir einen außergewöhnlichen Song hören „dann hören wir eigentlich die menschliche Limitation und die Kühnheit, sie zu überschreiten“, so Cave.. „Künstliche Intelligenz verfügt bei all ihrem unbegrenzten Potenzial einfach nicht über diese Fähigkeit.“

Das Smartphone als persönlicher Assistent

Noch ist die künstliche Intelligenz nicht so weit, um sich alleine an die Arbeit zu machen. Bei dem Huawei-Projekt ging es auch nicht darum, eine letzte, endgültige Version der Sinfonie zu schreiben. „Wir wollten zeigen, was möglich ist, wenn eine Technologie mit einem sehr kreativen Menschen zusammenarbeitet“, sagt Arne Herkelmann von Huawei. Der Konzern will die Technologie fürs Smartphone weiter ausbauen, das Musikprojekt wirbt dafür. Schon heute wird KI auf Smartphones genutzt, um etwa besser Fotos zu schießen. Dann erkennt sie, was im Fokus ist, und nimmt entsprechende Einstellungen automatisch vor.

Doch in Zukunft, glaubt Herkelmann, werden die KIs immer mehr Funktionen übernehmen und das Smartphone zum persönlichen Assistenten machen. Anstatt Sinfonien zu Ende zu komponieren, bucht es dann aber eher den nächsten Zahnarzttermin.

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Von Anna Schughart/RND