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Digital Zwei Hacker und eine Festplatte
Nachrichten Digital Zwei Hacker und eine Festplatte
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13:59 23.12.2011
Von Frerk Schenker
OpenLeaks-Gründer Daniel Domscheit-Berg.
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Sicherer, transparenter und obendrein auf Deutsch – mit OpenLeaks wollte Daniel Domscheit-Berg alles besser machen. Mehr Schutz für Whistleblower versprach er, die Fehler seines früheren Vorbilds Julian Assange, dessen Enthüllungsplattform WikiLeaks er vor einem Jahr im Streit verlassen hatte, wollte Domscheit-Berg unbedingt vermeiden. Am vergangenen Wochenende sollte schließlich ein finaler Probelauf starten; der jedoch mit einem Eklat endete, bevor er überhaupt richtig begonnen hatte. Erst bescheinigten Experten des Chaos Computer Clubs (CCC) dem Projekt mangelnde Sicherheit, dann warfen sie ihr prominentes Mitglied Domscheit-Berg auch noch aus dem weltweit bekannten Hackerverein – größer hätte der Imageschaden für OpenLeaks kaum sein können.

Dabei hatte Domscheit-Berg ausdrücklich auf die Mithilfe des CCC gesetzt, um seinem ehrgeizigen Unterfangen zum Erfolg zu verhelfen. Auf dem Sommercamp des CCC, zu dem Tausende Teilnehmer angereist waren, hatte Domscheit-Berg die Sicherheit seiner Plattform mehrere Tage lang testen lassen wollen – zum Ärger des Clubs. Schon im Vorfeld des Camps hatte CCC-Vorstand Andy Müller-Maguhn heftige Kritik an dem Vorhaben geübt. „Der CCC ist kein TÜV“, sagte Müller-Maguhn in einem „Spiegel“-Interview, „wir lassen uns nicht vereinnahmen.“ Das Verhalten Domscheit-Bergs bezeichnete er als „unverschämt“. Der Streit mündete schließlich in einem Eklat. Nach einer mehrstündigen Vorstandssitzung schloss der Club Domscheit-Berg aus und überbrachte ihm noch in der Nacht den Beschluss.

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Was nach einem Disput um fehlgeschlagene Selbstvermarktung und falsch verstandene Club-Ehre aussieht, reicht in der Tat viel weiter. Der Rauswurf ist eng verbunden mit dem Bruch zwischen Domscheit-Berg und WikiLeaks-Gründer Assange. Der deutsche Informatiker war einst Sprecher der Plattform, nach einem Streit über den Umgang mit zugespielten Dokumenten verließ er das Projekt im vergangenen Jahr. Dabei nahm Domscheit-Berg auch eine Festplatte mit brisanten Daten mit – aus Sorge um den Schutz der Informanten, wie er betonte, da die Daten auf den WikiLeaks-Servern nicht sicher gewesen seien. Domscheit-Berg versprach, die Daten nicht veröffentlichen und zudem zurückgeben zu wollen, sobald Assange für die Sicherheit garantieren könne.

In den vergangenen elf Monaten jedoch passierte nichts. Der Streit wurde durch Domscheit-Bergs Enthüllungsbuch „Inside WikiLeaks“ sogar noch verschärft und nahm mitunter persönliche Züge an. Linus Neumann fand in seinem Blog „Netzpolitik“ denn auch eine lakonische Beschreibung der Situation: „Überspitzt könnte man sagen: Zwei Hacker zanken sich um eine Festplatte.“

Der Streit offenbart auch einen Riss innerhalb des CCC. Anfangs hatte Müller-Maguhn noch zu vermitteln versucht. Jetzt aber erhob er Zweifel an der Integrität Domscheit-Bergs und holte zu einer Fundamentalkritik aus: „Für mich ist OpenLeaks derzeit nicht mehr als eine Wolke mit Sicherheitsversprechen.“ Bemängelt wurde unter anderem, dass Domscheit-Berg den Programmcode für OpenLeaks nicht vorlege, ohne den eine glaubwürdige Sicherheitsüberprüfung nicht möglich sei.

Mit seinen Äußerungen und dem Beschluss zum Rauswurf rief Müller-Maghun innerhalb des CCC auch Kritik hervor. „Dieser Rausschmiss ist verfrüht, unangemessen und zutiefst emotional statt wohlüberlegt rational“, sagte CCC-Sprecher Frank Rieger, der nicht dem Vorstand angehört. Felix von Leitner, der den einflussreichen Blog Fefe betreibt, bemängelte das fehlende Fingerspitzengefühl: „Wenn man sich schon zu so einem Schritt entschließt (und schon das halte ich für einen Fehler), hätte man zumindest Daniel Gelegenheit geben müssen, von sich aus die Mitgliedschaft niederzulegen. So zivilisiert sind wir ja wohl!“

Für Domscheit-Berg dürfte besonders die Kritik an der fehlenden Sicherheit ein harter Schlag sein. Hatte er doch mit dem Versprechen, Informanten künftig besser zu schützen, Kooperationspartner wie die „tageszeitung“, die Wochenzeitung „Freitag“ und die Verbraucherorganisation Foodwatch gewonnen. OpenLeaks soll dabei wie eine Babyklappe funktionieren: Ein Informant lädt auf der Plattform anonym Daten hoch, die OpenLeaks an einen der zuvor vom Geheimnisträger festgelegten Partner übermittelt. Technisch gebe es keinen großen Unterschied zu WikiLeaks, hatte Domscheit-Berg unlängst erklärt. Der Unterschied liege einzig in der Organisation, denn anders als WikiLeaks werde man selbst keine Dokumente publizieren. Genau das hatten Kritiker Assange vorgeworfen.

Bei der „tageszeitung“, die unter https://leaks.taz.de bereits eine OpenLeaks-Testseite ins Netz gestellt hat, zeigte man sich überrascht von den Äußerungen Müller-Maghuns. „Mit WikiLeaks will er zusammenarbeiten, mit OpenLeaks aber nicht – mir ist nicht klar, woher dieses Misstrauen plötzlich kommt“, sagte der stellvertretende „taz“-Chefredakteur Reiner Metzger der HAZ. Bei WikiLeaks habe schließlich keiner gemeckert, weil der Programmcode nicht veröffentlicht worden sei. Die Bedenken seitens des CCC werde man aber dennoch ernst nehmen. „Wir werden die Sicherheit noch intensiver prüfen.“