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16:25 29.10.2017

Was sagt Ihnen Luther heute?

Margot Käßmann, 59, ist Botschafterin für das Reformationsjubiläum: These 62 ist in zweierlei Hinsicht bis heute bedeutend: „Der wahre Schatz der Kirche ist das heiligste Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“ Zum einen ist klar, worum es in der Kirche zuallererst geht: Um den Glauben an Jesus Christus, um die Orientierung, die dieser Glaube mit sich bringt, um die Zuversicht, die das Verlassen auf Gott mit sich bringt. Diese Haltung wird gelebt in Verkündigung, Seelsorge, Gemeinde und Diakonie. Zum anderen wird deutlich, dass wir keine Angst um andere Schätze, Bedeutung oder Macht haben müssen. Wir werden Kirche sein auch unter veränderten Umständen, auch angesichts von Säkularisierung und multireligiösem Kontext. Das alles ist keine Beruhigung oder gar „Opium“, mit dem Menschen sich aus der Welt flüchten. Ich finde, es ist eine Ermutigung, sich den Herausforderungen des Lebens und der Welt zu stellen.

Quelle: epd

Martin Luther, 74, ist Mechanikermeister aus Göppingen: Mein Onkel war ein standhafter Mann, das imponiert mir bis heute am meisten. Mein Onkel, so nenne ich ihn immer, weil ich in direkter Linie von seinem Bruder Jacob Luther abstamme. Dass meine Eltern mich Martin genannt haben, war 1943 auch ein kleiner Akt des Protests gegen die Nazis. Mein Elternhaus war sehr christlich, ich selbst habe vor 40 Jahren beschlossen, Jesus nachzufolgen und gläubig zu leben. Das hat mein Leben sehr verändert, ich lese zum Beispiel täglich in der Bibel – der Luther-Bibel natürlich, weil ich die derbe Sprache sehr mag. Die 95 Thesen sind auf den ersten Blick natürlich weit weg. Ich musste viele schon zweimal lesen, um sie zu verstehen. Aber dann steckt doch viel Wahres darin, zum Beispiel in These 59: „Der heilige Laurentius sagte, die Schätze der Kirche seien die Armen der Kirche.“ Da hat mein Onkel schon recht – das Wertvollste in der Kirche sind die Menschen.

Quelle: Ayca BalciAyca Balci

Johannes Block ist Pfarrer an der Stadtkirche in Wittenberg: Das Hintergrundrauschen der 95 Thesen besteht für mich in der Frage: Was kann ich mir für Geld kaufen? Und was gerade nicht? Das Entscheidende im Leben lässt sich weder kaufen noch produzieren, sondern allein erbitten und empfangen. Das ist die Geisteshaltung, die für Martin Luther ein frommes Leben ausmacht. An den 95 Thesen begeistert mich, dass eine klare Theologie existenzielle Ängste nehmen und Missstände in Gesellschaft und Kirche aufdecken kann. Eine klare Theologie ist nach Martin Luther vor allem eine Art Kreuzestheologie, die die Luftschlösser und das Machertum der Menschen im wahrsten Sinne durchkreuzt. Die kreuzestheologische Pointe klingt in den beiden letzten Thesen 94 und 95 an: „Man muss die Christen ermutigen, darauf bedacht zu sein, dass sie ihrem Haupt Christus durch Leiden, Tod und Hölle nachfolgen. Und so dürfen sie darauf vertrauen, eher durch viele Trübsale hindurch in den Himmel einzugehen als durch die Sicherheit eines Friedens.“

Quelle: Klitzsch