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16:25 29.10.2017

Was sagt Ihnen Luther heute?

Peter Hahne, 64, ist ZDF-Moderator und Bestsellerautor: Meine Lieblingsthese ist die Nummer 62: „Der wahre Schatz der Kirche ist das heilige Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“ Diese gute Nachricht in einer Welt so vieler schlechter ist konkurrenzlos in dieser hoffnungslosen Zeit. Leider haben Kirchen aus dem Löwen Luther einen Bettvorleger gemacht: Gender-Liederbuch, Merkel-Obama-Show auf dem Kirchentag, Luther-Schnaps und Luther-Kondome. Der echte Reformator hat mit seinen Thesen Kopf und Kragen riskiert. Der Klerus war hinter ihm her wie Erdogan hinter unbequemen Journalisten. Seine Bibelübersetzung war lebensgefährlich, nahm er den Herrschenden damit doch ihr Herrschaftswissen. Diese Sprachgewalt, dieser unerschütterliche Mut gegen Thron und Altar, diese Überzeugungskraft eines von Jesus Christus zutiefst Überzeugten: Das ist die Reformation, die wir auch nach 500 Jahren noch brauchen. Als Journalist ist er mir Vorbild: Dem Volk aufs Maul schauen, ohne ihm nach dem Munde zu reden. Und rauf mit den mürrischen Mundwinkeln: „Die Freude ist der Doktorhut des Glaubens!“

Quelle: dpa

Professor Michael Wolffsohn, 70, ist Historiker und Autor: Keine Aufreger und kaum Anreger sind Luthers Thesen heute. Wer interessiert sich heute ernsthaft für Polemiken gegen das damalige Papsttum oder den volksverdummenden Ablass? Im Jahre 1517 glichen diese Themen einem Vulkanausbruch mit Ankündigung. Der Luther-Rummel 2017 ist vor allem germanozentrisch, hat also fast ausschließlich Deutschland und weniger Europa oder die Welt im Blick. Dabei werden die zahlreichen Vorbereiter und Wettbewerber wie Calvin oder Zwingli übersehen. Von seinen Mitstreitern wie dem Gelehrten Melanchthon ganz zu schweigen. Innerkirchliche Proteste sowie Reformversuche gegen die Zügel- und Sittenlosigkeit und Machtgier der altkatholischen Kirche begannen schon im Mittelalter. Durch die exklusive Luther-Schau werden bedeutende Frühprotestanten wie John Wyclif oder Jan Hus zu Scheinzwergen, obwohl auch sie Geschichtsriesen waren. Luthers Thesen und sein Werk zeigen einen tiefgläubigen und geradezu verteufelt abergläubischen Menschen. Mehr mit seiner Geschichtlichkeit, seiner genialen Sprachgewalt und seinen vielen Vorurteilen als seinem Glauben haben sich EKD und Öffentlichkeit dieses Jahr befasst. Was Religion heute positiv bewirken kann, wäre ein lohnendes Thema gewesen. Nicht zuletzt im Zusammenhang mit dem Menschheitsthema Tod.

Quelle: picture alliance / Susanne Jahrrpicture alliance / Susanne Jahrr

Gerhard Feige, 65, ist römisch-katholischer Bischof von Magdeburg: Ausdrucksstark heißt es in These 1: „Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht ’Tut Buße’ … (Mt 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll.“ Interessanterweise findet sich Ähnliches schon bei Bernhard von Clairvaux, den Luther sehr schätzte. Macht so etwas nicht schwermütig und lebensuntüchtig? Büßen muss man doch sonst nur, wenn man eine Straftat begangen oder sich anderweitig ins Unrecht gesetzt hat. Für Luther jedoch bedeutet das, „täglich in seine Taufe [zu] schlüpfen“, damit der alte Adam „mit allen Sünden und bösen Lüsten“ „ersäuft“ werde und sterbe, ein neuer Mensch aber herauskomme und auferstehe, der gottgefällig lebe. Statt „Tut Buße“ könnte man auch sagen: „Kehrt um“ oder „Ändert euer Denken und eure Vorstellungen“, bleibt nicht im Gewohnten stecken, orientiert euch neu, lasst euch auf Größeres ein! Löst euch von der zwanghaften Vorstellung, erfolgreich sein zu müssen! Macht euer Selbstwertgefühl nicht davon abhängig, wie andere euch sehen! Das, wonach ihr euch eigentlich sehnt – anerkannt und geliebt oder glücklich zu sein – könnt ihr euch ohnehin nicht selbst verschaffen. Es bleibt ein Geschenk, ist unverfügbar und hat für Menschen, die glauben können, letztlich mit Gott zu tun. Sich immer wieder neu darauf zu besinnen, befreit davon, sich heillos zu überfordern und gnadenlos mit anderen umzugehen. Man kann dadurch tatsächlich menschlicher werden – auch heute. Und das ist nicht nur typisch evangelisch.

Quelle: dpa