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16:25 29.10.2017

Was sagt Ihnen Luther heute?

Ralf Meister, 55, ist Landesbischof in Hannover: These 43 lautet „Man muss die Christen lehren: Wer einem Armen gibt oder einem Bedürftigen leiht, handelt besser, als wenn er Ablässe kaufte.“ Es war vor 500 Jahren so und wird so bleiben: Mit keinem Geld der Welt kann ich auch nur ein winziges Stück des Himmels kaufen oder, etwas altertümlich gesagt, das Seelenheil erlangen. Denn Jesus hat sich mit den Leidenden identifiziert und fragt: Hast du Hungernde und Durstige versorgt? Hast du Fremde aufgenommen, Frierende bekleidet, Kranke und Gefangene besucht? Dabei fragt er keine Leistung ab, sondern in welchem Geist wir leben. Luther hat aus tiefstem Herzen geglaubt, dass wir mit Freude Gutes tun, wenn wir begreifen, dass uns Gott den Himmel geschenkt hat und wir aus dieser Gnade heraus in Freiheit handeln können. Das ist eine kraftvolle protestantische Grundüberzeugung: im Glauben befreit, Verantwortung für die Welt übernehmen zu können.

Quelle: dpa

Heike Sieberns, 25, Studentin in Göttingen, ist Mitglied der Evangelischen Jugend: Die Thesen sind auf jeden Fall noch aktuell. Den Ablasshandel gibt es schließlich noch heute – er heißt nur anders. Wenn wir mit dem Flugzeug an einen anderen Ort fliegen und dafür einen symbolischen Ausgleich in einen Klimafonds zahlen, dann ist das nichts anderes als ein Freikaufen von schlechtem Gewissen. Heute wie damals nutzen Mächtige ihre Position gegenüber sozial Schwächeren aus, dass die Verhältnisse bleiben, wie sie sind. Schließlich können die Mächtigen nur so mächtig bleiben. Luther hatte problematische Seiten, seinen Judenhass zum Beispiel. Dabei ist es wichtig, ihn als Kind seiner Zeit zu verorten. Luther ist für mich auch immer noch ein Vorbild: dass man für seine Überzeugungen einsteht und Verantwortung für sein Handeln übernimmt. Das beeindruckt mich und lässt mich mutiger sein.

Quelle: privat

Christina Aus der Au, Jahrgang 1966, ist Theologin, Philosophin und Präsidentin des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Berlin und Wittenberg: Martin Luther war ein Eiferer vor dem Herrn, der für das kämpfte, was er für die Wahrheit Christi hielt – das mussten auch die Reformierten bitter erfahren. Aber er war auch ein bodenständiger Mensch, der die Bedürfnisse des leiblichen Lebens nicht gering schätzte. Und so gefällt mir besonders die These 46: „Die, die nicht im Überfluss leben, sollen das Lebensnotwendige für ihr Hauswesen behalten und keinesfalls für den Ablass verschwenden.“ Nachdem Luther 45 Thesen lang ernsthaft argumentiert, warum der Ablass unnötig ist, sehe ich in These 46 sein Augenzwinkern: „Die Reichen mögen ihr Geld verschwenden, aber ihr, die ihr knapp bei Kasse seid, solltet euer Geld für Wichtigeres ausgeben.“ Ein fröhliches, befreites Leben auf Erden, Gastfreundschaft und eine offene Hand für Bedürftige, das ist ein Leben, das auch Gott gefällt.

Quelle: privat
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