Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur „Heiß auf 2. Liga“ in Hamburg
Nachrichten Kultur „Heiß auf 2. Liga“ in Hamburg
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:40 26.09.2018
Der Schauspieler Björn Bonn in „Heiß auf 2. Liga“ in den Hamburger Kammerspielen. Quelle: Foto: Daniel Reinhardt/dpa
Anzeige
Hamburg

Das Spiel findet im Waschsalon statt. In einem wunderbaren Waschsalon, in dem die Maschinen Uwe heißen, Horst, Manni, Kevin und Felix und der 1886 gegründet wurde, ein Jahr vor dem Hamburger Sport-Verein. Es war der erste dort an der Elbe und die Keimzelle des Imperiums von Waschsalonkönig Rolf-Peter Hala, kurz RPH, der Millionen in den Fußball steckt, in seinen Klub, in den HSV. Das ist die Lage bei „Heiß auf 2. Liga“, und das ist auch das Problem.

„Heiß auf 2. Liga“ ist ein Stück, das in der schwärzesten Stunde des HSV geboren wurde. In dem Moment, als im Mai dieses Jahres der Abstieg besiegelt war und die Zukunft erst mal Aue und Sandhausen hieß statt Bayern München. Oder Regensburg, oje, oje. Da besah sich Axel Schneider, der Intendant der Hamburger Kammerspiele-, den Schlamassel und dachte, man müsste eigentlich etwas fürs Theater draus machen. Jetzt hatte das Stück Premiere, und für die gab es von Corny Littmann (FC St. Pauli) bis zum HSV-Urgestein Harry Bähre viel Applaus.

Anzeige

Es ist kein Drama geworden, das war der Gang in die zweite Liga ja für viele ohnehin schon. Und es wird auch nicht nur die große alte Zeit besungen, als Hrubesch und Keegan, als Kaltz, Magath und Uwe Seeler den HSV zu einem Ereignis hatten werden lassen, zu einer Fußballmacht in Deutschland und darüber hinaus. Wenn die Waschmaschinen im Salon ihren Namen tragen, dann ist das nur eine romantische Folie. Vor der aber wird das Geschäft auseinandergenommen, das sich als Fußball ausgibt und erstaunlicherweise immer noch auch so verstanden wird, trotz alledem und alledem.

Jörg-Menke Peitzmeyer hat den Stücktext geschrieben. Er kennt sich aus im Fußball und hat unter anderem „Steht auf, wenn ihr Schalker seid“ verfasst. Und er hat aufmerksam verfolgt, was unter dem Stichwort Football Leaks ans Licht gekommen ist: Grundgehalt im Dagobert-Duck-Bereich, 50 000 Euro Prämie für jeden richtigen Einwurf, und die Berater in dem Gewerbe sind fast noch schwerer zu ertragen als amtierende US-Präsidenten. Regisseur Gil Mehmert, unter anderem verantwortlich für das Fußball-Musical „Das Wunder von Bern“, hat daraus eine witzige und temporeiche Begegnung gemacht, wobei Ähnlichkeiten mit lebenden Personen nicht rein zufällig sind und sich auch noch Platz findet für einen „Nis Randers“-Balladenanklang.

Franz-Joseph Dieken gibt den milliardenschweren Mäzen Hala als Fußballirren von eigenen Gnaden, leicht erregbar, aber auch leicht entflammbar. Als ihm der Vermittler Nettermann einen Brasilianer verkaufen will, einen Wunderfußballer, einen Uwe-Cristiano Messi gewissermaßen, auch wenn er Sergio heißt, sieht er in ihm die Wiederaufstiegsgarantie für seinen HSV.

Björn Bonn spielt diesen Nettermann mit einer ebenso beiläufigen wie großartigen Verschlagenheit. Er schleicht verhuscht herum wie Schlemihl aus der Sesamstraße, der Ernie eine Acht verkaufen will. Und dann dreht er Hala ein dauerverletztes Phantom an, das den Ball nur vom Hörensagen kennt und für das es bei Football Leaks auch ein Vorbild gibt.

Bonn spielt gleich drei Personen in diesem Stück, neben dem Tattoomeister Mr. Needle auch den neuen Trainer, der auf den Nachwuchs setzt, wo Hala alles mit seinen Millionen totwirft. Der neue Trainer hat zudem ein Verhältnis mit der Vorstandschefin des Vereins, die Ann-Cathrin Sudhoff zu einer zwischen Abgeklärtheit und Weichheit pendelnden Betriebswirtin werden lässt. Hannelore Droege schließlich ist als Waschsalon-Chefin die gute Seele des Vereins. Sie sagt Dinge wie: „Das ganze Leben ist wie ein Abstieg – wenn ich morgens aufwache, liege ich manchmal schon 0:2 hinten“, und sie findet sich auch sonst ganz gut zurecht. Und Lotto King Karl, Marek Erhardt und Bjarne Mädel kommen auch noch drin vor.

So wird der Abend zu einer Abrechnung mit den Machenschaften, die ihn mehr und mehr beherrschen. Am Ende geht es rund, bei 95 Grad. Dann folgt ein Epilog. Und es ist vermutlich kein Zufall, dass etwa zur gleichen Stunde Luka Modric zum Weltfußballer des Jahres gewählt wurde. Sein Verfahren wegen Falschaussage in einem Prozess gegen einen mutmaßlich korrupten kroatischen Fußballboss läuft noch. Seine Weltfußballer-Vorgänger Messi und Ronaldo dagegen sind schon wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden.

Nur der HSV? Nein, nicht nur der.

„Heiß auf 2. Liga“, der Hamburger Kammerspiele bis 17. November.

Von Peter Intelmann