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Kultur Kunstausstellung in Paris zeigt Kupferplatten des Anzeiger-Hochhauses
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Ausstellung: Katinka Bock zeigt Kunst aus den Kupferplatten des Anzeiger-Hochhauses in Paris

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11:47 09.10.2019
In Paris bestaunt: Katinka Bocks „Rauschen“ aus dem Kupfer des Anzeiger-Hochhauses. Quelle: Henning Queren
Paris

Furcht? Die sollte kein Problem sein. Wenn man sich ins Innere begeben hat, ist alles gut. Man spürt den Schutz, eine sonderbare Kraft, die von diesem Ungetüm aus Kupfer ausgeht, das wie ein gewaltiges Textil im Raum schwebt. Innen kupferbraun und außen meergrün.

„Rauschen“ heißt die neun Meter hohe und eine Tonne schwere Skulptur, die zurzeit in Paris bewundert wird und auf vielfältige Weise mit Hannover, mit dem Steintor, verbunden ist. Die deutsch-französische Bildhauerin Katinka Bock hat für die renommierte französische Ausstellungshalle La Fayette Anticipations ein Kunstwerk von hoher geschichtlicher Relevanz geschaffen: Sie hat dafür mit den 90 Jahre alten Kupferplatten der Kuppel des Anzeiger-Hochhauses gearbeitet, die im Zuge der Renovierung komplett abgetragen wurden.

Hommage an die Zeitung: Katinka Bock. Quelle: Henning Queren

 

Blick von Hannover nach Brasilien

„Tumulte à Higienópolis“, diesen geheimnisvollen und für die 43-jährige Künstlerin typischen Titel trägt die Pariser Ausstellung. Einen Tumult hatte es auch in Hannover gegeben im Jahr 1931. Der damalige Hannoversche Anzeiger vermeldete das in einer Titelzeile, die umschreibt, wie Hannovers Bürger, Künstler und Politiker 1931 einen Aufstand für die geistige Freiheit wagten, gegen die Nazis und für die Aufführung eines russischen Avantgardefilms. Higienópolis heißt ein Stadtteil in São Paulo, der zur selben Zeit entstand wie das Anzeiger-Hochhaus und der als erster in Brasilien fließendes Wasser erhalten hatte – aus Kupferrohren.

Bildhauerin Katinka Bock hat Kupferplatten der Anzeiger-Hochhaus-Kuppel zu einer faszinierenden Skulptur verarbeitet. Jetzt ist das Werk in Paris zu sehen – im März kommt es nach Hannover

Betreten ausdrücklich erlaubt

Das „Rauschen“ dominiert die Ausstellung in jeder Hinsicht: ein Hohlkörper, in den Dinge und Gedanken auch hineingegeben werden können. Er wirkt von seiner Form her wie eine Sprech- oder Hörmuschel. Oder wie der Resonanzraum, in dem das „Rauschen“ der Geschichte zu vernehmen ist und der gleichzeitig ein zutiefst beruhigendes Gefühl eines Schutzpanzers vermittelt: Das Betreten ist ausdrücklich erlaubt, der Blick nach oben umgeben von kupferbrauner Strenge ist atemberaubend. So muss es sich ein wenig angefühlt haben, wenn man in der Kuppel des Anzeiger-Hochhauses emporgeblickt hat – Bock wollte genau diesen Effekt erzeugen.

Blick in die Pariser Ausstellung von Katinka Bock. Quelle: Pierre Antoine

Kupfer ist ein Material, das auf Batterien anspielt, ein Speicher von Energie, die hier Geschichte ist, die sich schon ereignet hat. Eingespeicherte Geschichte: Man sieht genau, wo die Bombensplitter die mattgrünen Platten durchschlagen haben und wo sie wieder geflickt wurden, wo Wind und Wetter zugesetzt, wie Vögel mit ihren Krallen zarte Kratzer hinterlassen haben. Bei ausgiebiger Betrachtung entsteht ein grün schimmerndes Universum, ein Firmament aus den unzähligen Spuren im Metall. Die Kuppel ist allerdings nicht mehr ahnbar, die Platten sind durcheinandergewürfelt, die Karten sind gemischt, und es ist etwas Neues entstanden – die Kupferplatten oszillieren zwischen ihrer puren Materialhaftigkeit und großer Geschichte.

Ein Monument für die Zeitung

Die Künstlerin reflektiert Geschichte, die für ein besonderes Kapitel in der deutschen Pressehistorie steht – für den Erfolg des Hannoverschen Anzeigers, den Vorgänger der HAZ, für die Gründung von „Spiegel“ und „Stern“ in Hannover. Ein Monument für die Zeitung ist entstanden, einem Medium, von dem die Künstlerin mit Überzeugung sagt, dass es noch lange nicht obsolet sei.

Dieses Medium findet sich vielfältig in der Ausstellung wieder, die von der Mediengruppe Madsack unterstützt wurde. Wie bei „Gisant“, einer liegenden Skulptur, einem fünf Meter langen Körper, der mit papierweißen Keramikplatten im Format von aufgeschlagenen Zeitungen bedeckt ist. Eine rührende Reminiszenz findet sich im obersten Stock mit einer klassischen Schwarzweiß-Fotografie von Rémi Duval aus dem Jahr 1940: ein Clochard am Seine-Ufer, der sich mit einer Zeitung wärmt.

"Grisant" Quelle: Henning Queren

Vorbild für die große Skulptur „Rauschen“ war eine handlichere Arbeit aus Keramik mit dem Titel „Wunschkonzert“. Andere Arbeiten heißen „Haltung“ oder „Himmel und Meer“. Oft ist in Bocks Arbeiten neben der geschichtlichen Schwere ein gewisser Witz auszumachen. Wie beim „Toxic Fountain“, einem riesigen Löffel – aus Kupfer –, mit dem sich Gift, aber auch Heilendes verabreichen lässt, und der dem Spiel der Witterung außerhalb der Ausstellung ausgesetzt ist. Das ist typisch für die Künstlerin, die auch schon mal, wie bei der Ausstellung „Made in Germany“ in Hannover, einen metallischen Fisch im Maschsee versenkt hat.

Das Anzeiger-Hochhaus als Ort der Utopie

Im Katalog und als Foto ist das von Fritz Höger entworfene Anzeiger-Hochhaus in der Ausstellung präsent. Für La-Fayette-Direktor François Quintin, der sich während der Vorbereitung der Ausstellung ausgiebig mit der Architektur Högers beschäftigt hat, ist der hannoversche Bau ein „Ort der Utopie“. Er lobt, dass in dem Gebäude Geist, Presse, Kino und durch das frühere Goseriedebad auch der Körper miteinander vereint waren.

Gleichzeitig ist Bock noch mit einer weiteren Ausstellung in Paris am Start, im Centre Pompidou. Auch hier mit den Kupferkacheln aus Hannover, sie geben den Schuppenpanzer für die „Grande Citron“ ab, einem übergroßen Objekt, das sowohl als Südfrucht wie auch als Schuppentier durchgehen könnte. Damit ist die in Frankfurt geborene Künstlerin mit drei anderen in der Endausscheidung um den begehrten Prix Marcel Duchamp, der mit 30.000 Euro dotiert ist. Und ihre Chancen stehen sehr, sehr gut. Bekanntgabe und Preisverleihung ist am 14. Oktober – möge die Kraft des Kupfers mit ihr sein.

Um sich an Katinka Bocks grün schimmerndem Wunder erfreuen zu können, muss man nicht unbedingt nach Paris fahren – wenn man ein bisschen Geduld hat: Das große „Rauschen“ wird ab März in einer Soloausstellung der Künstlerin in der Kestnergesellschaft zu sehen sein. Dann in einer liegenden Version.

„Tumulte à Higienópolis“, La Fayette Anticipations, Rue du Platre 9, Paris. Bis 5. Januar.Prix Marcel Duchamp, Centre Pompidou, Galerie 4, Place Georges-Pompidou, Paris. Bis 6. Januar.

Neues Kupfer ist schon auf Kuppel montiert

Es ist weltweit das einzige Hochhaus mit Kuppel: 850 Quadratmeter Kupferplatten decken die gewölbte Haube auf dem Anzeiger-Hochhaus ab. Bei Kontrollen 2016 war aufgefallen, dass sich Halterungen gelockert hatten, seit 2018 wird die historische Kuppel daher behutsam saniert. Außen ist die neue Schicht aus grünlich vorpatiniertem Kupfer bereits montiert, noch in diesem Jahr wird das Gerüst demontiert. Innen entsteht wieder ein Veranstaltungssaal.

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