Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Starfotograf Andreas Mühe zeigt Bilder seiner Familie im Hamburger Bahnhof
Nachrichten Kultur

Ausstellung: Starfotograf Andreas Mühe zeigt Bilder seiner Familie im Hamburger Bahnhof

Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:21 27.05.2019
Anzeige
Berlin

„So bin ich wirklich gefangen?“: Man muss an diesen ersten Satz aus Lessings Trauerspiel „Philotas“ denken, wenn man die Bilder betrachtet, die der Fotograf Andreas Mühe von seiner Familie gemacht hat. Sein Vater, der Schauspieler Ulrich Mühe, hat diesen Satz in einer der großen Inszenierungen am Deutschen Theater, die die Wende ein paar Jahre überlebt haben, so intensiv und unverdrossen ungläubig vorgetragen, dass auch einem Theaterbesucher, der nicht in der DDR aufgewachsen ist, seine Dringlichkeit sofort einleuchtete. Bei Mühe war es ein Satz wie ein schlecht sitzender Anzug, geformt aus Worten, die scheinbar nichts mit dem zu tun haben, der sie spricht, und die man doch nicht abschütteln kann.

Ein Schauspieler im Museum

Andreas Mühe: „Vater I“. Quelle: VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Gefangen, ratlos, unwohl in der eigenen Haut: So blickt Ulrich Mühe nun dem Betrachter auf dem raumgreifenden Gruppenbild entgegen, das als Herzstück der Ausstellung „Mischpoche“ seines Sohnes Andreas im Hamburger Bahnhof zu sehen ist, dem Berliner „Museum für Gegenwart“. Andreas Mühe, 1979 in Chemnitz geboren, wurde zunächst mit Politikerporträts bekannt. An seinem jüngsten Projekt, den Bildern seiner Familie, hat er in den vergangenen vier Jahren gearbeitet – sein Vater war bereits lange tot.

Bei einer britischen Firma, die auch für Madame Tussauds arbeitet, hat Mühe seinen Vater und weitere Verwandte als lebensechte Skulpturen nachbilden lassen. Die stehen nun in einer erstaunlichen Familienaufstellung als Ewig-40-Jährige wie Geister der Vergangenheit zwischen den Lebenden. Die Generationen kommen sich auf den Fotos, die Mühe sehr aufwendig in seinem Atelier arrangiert hat, so nahe, wie das Leben es nie ermöglicht: Großeltern, Vater und Sohn sind alle im selben Alter. Der Kommunikation hilft das wenig: Stumm und einander abgewandt reiht der Fotograf sie (und sich selbst) zwischen Zimmerpflanze und Klavier. Im Vordergrund der Bilder ist gerade noch der Rand des Podestes im Studio zu erkennen, an einer Seite steht ein großer Scheinwerfer. Vergangenheit und Gegenwart, Nähe und Entfremdung – beim Theaterkind Mühe ist jedes Bild eingefrorene Inszenierung.

Drei Frauen, eine Geschichte

Im Zentrum steht der 2007 verstorbene Vater – zwischen seiner zweiten Frau, der Schauspielerin Jenny Gröllmann, die er kurz vor seinem Tod der Stasi-Mitarbeit beschuldigte, und seiner dritten Frau Susanne Lothar, die aus dem Westen stammte. Man spürt die Fliehkräfte der Zeitgeschichte, wenn man die Aufnahmen dieser deutschen Familie betrachtet. Nicht umsonst kombiniert die Schau in ihrem Titel „Mischpoche“ die Epoche mit Mischpoke, dem längst übernommenen jiddischen Begriff für Familie.

Andreas Mühe: „Frau III XIV“ Quelle: VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Persönlich oder gar intim wirken die Arbeiten dabei erstaunlich selten. Mühe hat darauf verzichtet, die Personen zu benennen. Dass viele Besucher die Schauspielstars erkennen – die jüngeren am ehesten Anna Maria Mühe, die Halbschwester des Fotografen –, scheint eher ein unbeabsichtigter Nebeneffekt zu sein. Dazu passt, dass neben den großen Familienporträts (eins hat Mühe auch den Verwandten seiner Mutter Annette Hahn gewidmet) in den drei Räumen der Schau auch viele kleiner Bilder zu sehen sind, die die Skulpturen der Verstorbenen in unterschiedlichen Phasen des Entstehungsprozesses dokumentieren und inszenieren.

Diese Aufnahmen erinnert nicht an Personen, sie wirken mal wie Artefakte aus ägyptischen Gräbern oder römische Torsi, mal wie die unheimlich versehrten Porträts eines Gottfried Helnwein oder Baupläne für Künstliche Intelligenz: Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit – bei Andreas Mühe schwimmt alles auf einem großen Zeitstrom. Die Familie, so hat er es bei der Präsentation von „Mischpoche“ gesagt, sei der beste Heimathafen, den man haben könne. Dass sein Hafen auf keiner Karte zu finden ist, macht die Ausstellung faszinierend weit über den Prominenzfaktor hinaus.

Andreas Mühe: „Mischpoche“, bis zum 11. August im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart, Berlin, Invalidenstraße 50-51.

Die Mühes: Eine deutsche Familie

Ulrich Mühe (1953–2007) war einer der bekanntesten deutschen Schauspieler. Schon zu DDR-Zeiten ein Star, wurde er nach der Wende auch im Westen bekannt, unter anderem mit der Fernsehserie „Der letzte Zeuge“ und dem Oscar-Gewinnerfilm „Das Leben der Anderen“.

Susanne Lothar und Ulrich Mühe 2006 beim Deutschen Filmball in München. Quelle: dpa

Susanne Lothar (1960–2012) war eine deutsche Schauspielerin („Funny Games“, „Fleisch ist mein Gemüse“). Sie ist in Hamburg geboren und heiratete 1997 Ulrich Mühe – für ihn war das die dritte Ehe. Zuvor war er mit der Schauspielerin Jenny Gröllmann und der Regisseurin Annegret Hahn verheiratet.

Anna Maria Mühe ist 1985 in Ost-Berlin geboren. Sie ist die Tochter von Ulrich Mühe und Jenny Gröllmann und als Schauspielerin regelmäßig in Kino- und Fernsehfilmen zu sehen.

Anna Maria Mühe Quelle: dpa

Andreas Mühe ist der älteste Sohn von Ulrich Mühe, seine Mutter ist Annegret Hahn. Er wurde 1979 in Karl-Marx-Stadt geboren. Zu Anfang seiner Karriere vom Galeristen und Fotografen F. C. Gundlach gefördert ist Mühe heute ein bekannter Künstler und Fotograf.

Andreas Mühe bei der Pressekonferenz zu seiner Ausstellung „Mischpoche“ im Hamburger Bahnhof. Quelle: dpa

Von Stefan Arndt