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Kultur Liebesgrüße aus dem Abgrund
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08:29 31.01.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Der Geliebte als Zielscheibe in „Hors d’œuvre ou Portrait of my Lover“ (1960; Bildausschnitt). Quelle: Thomas Ganzenmueller
Hannover

Wo über dem Hemdkragen sonst der Kopf sitzt, prangt hier eine Schießscheibe. Deren Kork ist mürbe geschossen - mit Pfeilen, von denen drei noch auf der Scheibe feststecken. Darin liegt noch die harmlosere Form der Aggression bei diesem Werk. Das besteht außer aus der Zielscheibe noch aus weißem Gips mit Männerhemd, Knöpfen und Schrauben auf nachtblauem Grund - und im Gips um das Hemd sind auch zwei Abzugshähne von Pistolen sowie drei Abdrücke davon zu sehen. Die Botschaft ist klar: Diese Künstlerin hätte noch ganz anders gekonnt.

Der Clou liegt aber im Titel, den Niki de Saint Phalle (1930-2002) für ihre Assemblage gewählt hat. Sie nennt die plastische, dreidimensionale Collage „Hors d’œuvre ou Portrait of my Lover“. Hors d’œuvre, so wird im Französischen die Vorspeise genannt, wörtlich übersetzt heißt das aber: außerhalb des Werks. Die Gründe dafür, dass die Künstlerin hier ihren Geliebten zur Zielscheibe macht, liegen ja in der Tat außerhalb des Werks. Niki de Saint Phalle spielt kaum verhohlen darauf an, dass der eigene Vater sie als Elfjährige „zu seiner Geliebten zu machen versuchte“, wie sie später den Missbrauch in Worte fasst.

Ist es ein Wunder, dass auch andere Werke dieser Zeit ein gebrochenes Verhältnis zur Kindheit und nicht zuletzt zu Männern dokumentieren? Für „Monkey“ hat sie 1961 lauter kaputtes Spielzeug in Gips gedrückt. Für „Autel“, also „Altar“, zerschießt sie 1962 Farbbeutel auf einem Männertorso im Zentrum eines altarartigen, dreidimensionalen Triptychons und zeigt den gekreuzigten Jesus darüber noch zusätzlich an Beinen und Armen gefesselt. Und für „Tyrannosaurus Rex“ drückt sie 1963 mehr als ein Dutzend Pistolen in ein riesiges Relief aus Gips und Draht.

Dies sind einige der spektakulären Schießbilder und Assemblagen, die jetzt in der Stiftung Ahlers Pro Arte unter dem Titel „En Joue!“ (etwa: „Leg an!“) gezeigt werden. Wer es darauf anlegt, Nikis Frühwerk zu erleben, erhält hier Gelegenheit dazu. Und das anhand von Werken, die noch nicht in Hannover zu sehen waren. Denn die meisten Arbeiten stammen von der Niki Charitable Foundation, der US-Stiftung der Künstlerin, die ihre Jugend in New York verbracht hat, dann mit ihrem Partner Jean Tinguely in Frankreich und später bei San Diego an der US-Westküste lebte. In insgesamt 138 Einzelarbeiten werden Werke aus der Zeit gezeigt, in der Niki de Saint Phalle international bekannt wurde. Das deutet auch auf ihre großen Skulpturen voraus, deren Aufbau sie teils in den Assemblagen vorwegnimmt. Gemeinsam mit der Pariser Galerie Vallois, in der die Werke zuvor zu sehen waren, hat die Stiftung Ahlers außerdem einen aufwendig gestalteten Katalog über die Arbeiten der Künstlerin zwischen 1958 und 1964 herausgegeben.

Es waren Jahre, in denen Niki de Saint Phalle gleichsam noch Liebesgrüße aus seelischen Abgründen abfeuert, aber auch Jahre der Selbstfindung, die sie später mit Distanz schildert. „1961 schoss ich gegen Daddy, gegen alle Männer, gegen alle, gegen die Gesellschaft, gegen mich selbst“, konstatierte sie rückblickend. Und unter dem Eindruck des Terrorismus der siebziger Jahre sagte sie auch: „Mir wurde bewusst, wie viel Glück ich gehabt hatte, einen pazifistischen Ausdruck meiner inneren Gewalt gefunden zu haben.“ In den Ausstellungsräumen sind hinter Glas auch einige spätere Arbeiten zu sehen. Die gefälligen Motive der „Love Letters“ zum Beispiel oder auch die großformatige Zeichnung „Could We Have Loved?“. Auch darin kommt Liebe, allem bunten Ornament zum Trotz, nur als ungenutzte Option der Vergangenheit vor, vielleicht noch nicht einmal als verpasste Chance. Dieses Bild gehört übrigens zur Sammlung Ahlers - und wirft damit nebenbei auch ein Schlaglicht auf deren Breite.

Niki de Saint Phalle. En joue!“ vom 1. Februar bis 21. April in der Stiftung Ahlers Pro Arte. Eröffnung heute, 20 Uhr, Warmbüchenstraße 16 im Beisein von Bloum Cardenas, der Enkelin von Niki de Saint Phalle. Der Katalog „En joue!“ umfasst 180 Seiten und kostet 29 Euro.

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