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Kultur So liest sich der neue Roman von Bestsellerautorin Isabel Bogdan „Laufen“
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Bestsellerautorin Isabel Bogdan liest im Literaturhaus Hannover aus ihrem neuen Buch „Laufen“

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14:46 26.01.2020
Laufen gegen die Depression: Isabel Bogdan stellt ihren zweiten Roman „Laufen“ im Literaturhaus Hannover vor. Quelle: Heike Blenk
Hannover

„Ich kann nicht mehr“. Mit diesen simplen vier Worten beginnt Isabel Bogdans neues Buch. Was zunächst wie das Ende einer Geschichte klingt, wie ein Zusammenbruch, der zwingend eine Ruhepause nach sich zieht, ist in Wirklichkeit ein Aufbruch, eine Art Startsignal. Im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Denn die namenlose Ich-Erzählerin des Romans nimmt an diesem Punkt ihrer Lebensgeschichte ihr regelmäßiges Lauftraining wieder auf: Das Laufen in dem gleichnamigen Roman wird zum Mittel der Wahl im Kampf gegen eine tiefe seelische Erschöpfung, eine Depression.

Lauf zu sich selbst

Schriftstellerin Isabel Bogdan, die vor drei Jahren mit ihrem Romandebüt „Der Pfau“ einen skurrilen Bestseller landete, beginnt mit diesem Satz aber auch ein gewagtes, sprachliches Experiment. In einem 200 Seiten langen, inneren Monolog, der sich beim Laufen im Kopf der Ich-Erzählerin abspielt, erzählt sie die Geschichte einer Frau, die ihren Lebensgefährten verloren hat. Er hat sich das Leben genommen. „Laufen“ beschreibt nicht nur den Versuch, einer existenziellen Erschütterung mit körperlicher Ertüchtigung zu begegnen, sondern auch einen Lauf zu sich selbst. Am Donnerstag, 30. Januar, stellt Bogdan ihr Buch im Gespräch mit der in Rostock lehrenden Philosophin Ina Schmidt unter der Überschrift „Vergänglichkeit“ im hannoverschen Literaturhaus vor.

Trauer gepaart mit Selbstironie

Dass Bogdan, preisgekrönte Übersetzerin unter anderem der Romane von Jane Gardam, ihre Leser selbst mit einem Trauerbuch mitreißen kann, hat vor allem mit dem Gefühl der 51-Jährigen für sprachlichen Sound, für Rhythmus, zu tun. In atemlosem, abgehaktem Staccato beginnt die Ich-Erzählerin, eine Orchesterbratscherin, ihre Geschichte zu erzählen. Anfeuerungsversuche gehen mit Selbstbeschimpfungen einher: „Dem Körper weh tun, das tut gut, ich kann nicht mehr, ich renne weiter“. Der Versuch, endlich zu vergessen, erschöpft sich zunächst im Versuch, gleichmäßig zu atmen: „Ich atme zwei Schritte ein und vier aus, ein ein aus aus aus (...) aus, atmen, einfach atmen, (...) immer weiter atmen“, heißt es da schlicht.

Dass der Freund der Ich-Erzählerin sich das Leben genommen hat, erfährt man erst viele Seiten später, wie er es getan hat, erst ganz am Schluss. Es hat wohl auch mit dem Spannungsbogen, der Dramaturgie, zu tun, dass Bogdan mit diesen Informationen so sparsam umgeht. Tieferer Grund ist jedoch, dass nicht der Suizid des Geliebten im Zentrum steht, sondern der Versuch der Hinterbliebenen, mit dem Schmerz, dem Gefühl von Schuld umzugehen. „Für dich ist vermutlich alles okay, für mich nie wieder“, sagt sich die Ich-Erzählerin einmal, während sie in Hamburg rund um die Alster ihre Runden dreht. Langsam, fast unmerklich wird der Sprachfluss ruhiger. Trauer paart sich zunehmend mit Selbstironie: „Ich bin verwitwet, verloren und offiziell alt, so sieht es aus“, konstatiert die 43-jährige trocken an einer Stelle.

Kein Gefühlskitsch

Irgendwann kommt nach einem Flirt mit einem anderen Läufer auch wieder Hoffnung auf. Dass Bogdan dabei auf Gefühlskitsch konsequent verzichtet, gehört ebenfalls zu den Stärken in diesem besonderen Buch.

Die Veranstaltung mit Isabel Bogdan und Ina Schmidt am kommenden Donnerstag, 30. Januar, im hannoverschen Literaturhaus, Sophienstraße 2, beginnt um 19.30 Uhr. Karten im Vorverkauf gibt es unter der Telefonnummer (0511) 16 84 12 22. Martina Sulner moderiert.

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