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Kultur Carolin Emcke spricht mit Bénédicte Savoy
Nachrichten Kultur Carolin Emcke spricht mit Bénédicte Savoy
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13:42 26.09.2018
Bénédicte Savoy beim "ABC der Demokratie" Quelle: Meyer-Arlt
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Hannover

„Alle Museen der Welt sind unsauber. Das weiß in Frankreich jedes Kind.“ Und das weiß auch die französische Kulturwissenschaftlerin Bénédicte Savoy. Die war jetzt zu Gast in der Reihe „ABC der Demokratie“, die die Philosophin Carolin Emcke seit einem Jahr am Schauspiel Hannover veranstaltet. Mittlerweile hat sie sich mit ihren Gästen bis zum „E“ durchbuchstabiert.

In der jüngsten Folge ging es um das Erbe, genauer: um das kulturelle Erbe. Mit Bénédicte Savoy, die an der Berliner TU Kunstgeschichte lehrt, diskutierte Emcke über die Rückgabe von Kunstgegenständen aus europäischen Museen an die Länder, aus denen die Artefakte geraubt worden sind. Wobei: Diskutiert wurde eigentlich nicht. Emcke und Savoy waren weitgehend einer Meinung und einander herzlich zugetan. Es wurde viel gelacht und gescherzt und beide gaben ihrer Überzeugung Ausdruck, dass Artefakte aus afrikanischen Ländern, die in europäischen Museen ausgestellt worden sind, selbstverständlich zurückgeben werden müssen.

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Damit ist Benedicte Savoy auch beruflich beschäftigt. Vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron hat sie zusammen mit dem senegalesischen Wissenschaftler, Autor und Musiker Felwine Sarr den Auftrag erhalten, zu untersuchen, unter welchen Bedingungen künstlerische Werke afrikanischer Länder von Frankreich an die Herkunftsländer zurückgegeben werden könnten. In Frankreich sagt sie, sei der politische Wille der Rückgabe da, aber es werde kaum über die Angelegenheit diskutiert, in Deutschland dagegen werde sehr viel über Provenienz und unrechtmäßigen Besitz von Kulturgütern diskutiert, allein hier fehle es am politischen Willen zur Rückgabe.

Neunzig Prozent des afrikanischen Kulturerbes, befänden sich außerhalb von Afrika, sagte Savoy. Werke zurückzugeben, die für afrikanische Länder eine wichtige historische oder symbolische Bedeutung haben, habe mit Fairness zu tun. „Ich welcher Welt wollen wir leben?“ fragte die Kulturwissenschaftlerin, „Wollen wir wirklich, dass Jugendliche aus Afrika keinen Zugang zu ihrer Kultur ihres Landes haben?“

Die Behauptung, dass es sich um „geteiltes Erbe“ handeln würde, wenn die Kunstwerke aus Afrika in Museen in London, Paris oder Berlin fachgerecht aufbewahrt werden würden und jederzeit zugänglich seien, ließ die Bénédicte Savoy nicht gelten: „Für Jugendliche aus Mali sind die Grenzen Europas geschlossen.“

Es gehe auch darum,, denjenigen, aus deren Ländern die Kunstwerke stammen, auch die „Deutungshoheit“ über ihre Kunstwerke zu geben. Vielleicht werden sie die Objekte anders präsentieren, als wir uns das vorstellen, vielleicht wird uns das nicht gefallen, es sei aber wichtig, loszulassen. Gleichzeitig warnte Savoy vor der Vorstellung, dass sich europäische Museen leeren würden, wenn Kunstwerke zurückgegeben werden: „Es geht nur um exemplarische symbolische Objekte“.

In Deutschland werde über die Provenienz von Werken gerade in ethnologischen Sammlungen immer noch gern geschwiegen, sagte Bénédicte Savoy, das Thema werde wie ein „Familiengeheimnis“ behandelt. Auf die Frage von Carolin Emcke, wie mit der Rückgabe der Kulturgüter eigentlich praktisch begonnen werden soll, gab sie eine erstaunlich einfache Antwort: „Zuerst einmal müssten Inventarlisten erstellt und online zugänglich gemacht werden.“ Dass solche Listen fehlen, ist wohl auch ein Zeichen dafür, dass bei diesem Thema eine gewisse Intransparenz gepflegt wird.

Das „ABC der Demokratie“ wird am 4. Dezember um 19 Uhr mit dem Buchstaben F fortgesetzt. Dann wird Sascha Lobo auf der Cumberlandschen Bühne mit Carolin Emcke sprechen. Ihr Thema: Facebook.

Von Ronald Meyer-Arlt

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