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Kultur Charly Hübner singt Schuberts „Winterreise“
Nachrichten Kultur Charly Hübner singt Schuberts „Winterreise“
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16:32 24.09.2018
„Ich wache auf, und einer von diesen Songs tobt durch mein Gehirn“: Charly Hübner singt Franz Schubert. Quelle: Sandra Then
Hannover

Natürlich sollte man den Schauspieler nie mit seiner Rolle verwechseln. Hier aber ist die Versuchung doch groß: Seit 2010 spielt Charly Hübner den Kommissar Alexander Bukow im Rostocker „Polizeiruf 110“, und schon wenn man seine Stimme hört, meint man diesen abgründigsten aller deutschen Fernsehermittler vor sich zu sehen. Der brummige Tonfall, die nordöstliche Stimmfärbung, die Direktheit, mit der er von großen oder privaten Dingen spricht – all das passt so gut auch zu dem Kommissar, dass man stutzen muss, wenn Hübner sagt: „Ich wollte mit Bukow eine Figur entwickeln, die möglichst weit von mir entfernt ist.“ Das sei auch ein Grund, warum er sich von einer so prominenten Rolle bislang nicht eingeengt fühle. Der Dauerauftrag beim Fernsehen komme ihm vor allem an einem Punkt entgegen: „Ich habe Spaß am Fasching“, sagt Hübner. Und die Figur des Bukow biete ihm jede Menge Gelegenheit zum Verkleiden und Verstellen.

Das Vergnügen an der Veränderung erprobt der Hübner, der derzeit am Hamburger Schauspielhaus engagiert ist, nun auf einem ganz anderen Gebiet. Beim Abschlusskonzert der Niedersächsischen Musiktage singt der Schauspieler am Sonntag die „Winterreise“ von Franz Schubert – gemeinsam mit Jazzmusikern, den Streichern vom Ensemble Resonanz und zusätzlichen Songs von Nick Cave.

Einer davon, „Mercy Seats“, hat dem Abend den Titel gegeben: Das Stück handelt von einem Verbrecher, der im Todestrakt auf seine Hinrichtung wartet. Mit Schubert und seinem enttäuschten Liebenden, der einsam durch das Land streift, hat das auf den ersten Blick wenig zu tun, für Hübner ist es aber eine logische Verbindung. „Ich habe mich bei vielen Aufnahmen, die ich gehört habe, immer an der Opferhaltung gestört, die hier transportiert wird. Der leidende Mann – so ganz konnte ich das nicht glauben.“ Die Beschäftigung mit Schuberts Textdichter Wilhelm Müller hat diesen Anfangsverdacht dann verstärkt: „Der Mann war ein echter antinapoleonischer Krieger und durchaus zum Töten bereit.“ So entstand der Gedanke, Schuberts vermeintlich wehleidigen Wanderer mithilfe von Nick Cave in einem anderen Licht erscheinen zu lassen.

Für Hübner ist die Kombination ein Experiment, das die alten Lieder neu erschließen kann. „Ich habe erst durch die Beschäftigung mit den Hintergründen begriffen, wie emotional und modern Schubert das alles komponiert hat“, sagt der Schauspieler. Allerdings habe er mache Passagen vereinfachen müssen: „Wenn man kein ausgebildeter Sänger ist, fehlen einfach die Muskeln, um zum Beispiel lange chromatische Passagen zu singen“, sagt er. Die Mühe lohne sich aber sehr: Zuvor seien außer einiger Hits wie der „Erlkönig“ kaum etwas von Schubert in sein Leben gedrungen. „Jetzt bin ich selbst sprachlos, wie toll das alles ist.“

Ein Grund für diese späte Erkenntnis könnte auch die Tradition des Liedgesangs sein, vermutet Hübner. Er hat sich viel mit einer Videoaufnahme der „Winterreise“ mit dem Pianisten Alfred Brendel und dem Bariton Dietrich Fischer-Dieskau beschäftigt. „Als Schauspieler ist es für mich total beeindruckend zu sehen, wie zwei Giganten ihres Fachs sich da durchbewegen – aber ich sehe auch, dass es dabei nur um Töne geht.“ Es gehe um Musikalität und darum, dem Meister Schubert so nah wie möglich zu kommen. „Aber der inhaltliche Kontext des Ganzen geht dabei weitgehend flöten.“

Dazu gehöre auch die politische Dimension des Stückes. Man könne die „Winterreise“ auf die liberale Idee beziehen, sagt Hübner. Sie handle auch von der Liebe zur Freiheit und dem Aufbegehren gegen Napoleon. „Und dann wird man von Metternich überrollt, der in seiner Welt so etwas war wie Trump oder Orbán. Es gab einen Funken Hoffnung von zwei Jahren, dass die Welt offener und fröhlicher wurde, aber am Ende macht es keinen Sinn mehr, daran zu glauben.“ Der Leiermann aus dem letzten Lied müsse daher nicht nur für den Tod stehen – er könne auch den Künstler symbolisieren, der in seiner Welt nichts ausrichten kann.

Darin kann Hübner auch seine eigene Situation wiederkennen. Überhaupt habe die Beschäftigung mit Schuberts Musik und ihren Hintergründen viel in dem Schauspieler ausgelöst. „Ich weiß aber nicht, wohin mich das noch führen wird.“ Er wolle sich nicht zu viel vornehmen. „Sonst würde ich ja auf so etwas, wie das hier, gar nicht stoßen.“ Mit der „Winterreise“ sei etwas zu in sein Leben getreten, das ihn sehr ausfülle und beschäftigte. „Allein, dass ich dauernd noch von diesen Liedern träume: Ich wache auf, und einer von diesen Songs tobt durch den Kopf. Das ist völlig verrückt.“

Mercy SeatWinterreise“ mit Charly Hübner und dem Ensemble Resonanz ist am Sonntag, 30. September, 17 Uhr, im Funkhaus zu sehen. Karten in der HAZ-Ticketshops.

Von Stefan Arndt

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