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Kultur Brittens „Turn of the Screw“ in Braunschweig
Nachrichten Kultur Brittens „Turn of the Screw“ in Braunschweig
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18:19 01.02.2019
Von der Urmacht der Vergangenheit: Szene aus „The Turn of the Screw“ in Braunschweig. Quelle: Thomas M. Jauk
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Braunschweig

 Benjamin Brittens Vertonung der Henry-James-Erzählung „The Turn of the Screw“ von 1954 ist nur eine Kammeroper und doch großes Musiktheater. Ein Orchester aus kaum einem Dutzend Musikern erzeugt hier einen so opulenten Klang, dass man eine größere Besetzung nie vermisst. Raffiniert setzt der Komponist verschiedene Tonarten nebeneinander, bis die Musik schimmert wie schwarzer Samt. Es gibt viel plastische Tonmalerei, die doch nie Licht in das Dunkel dieser sonderbaren Geschichte bringt: Eine Erzieherin kümmert sich um zwei Kinder auf einem einsamen Landsitz. Doch die scheinen mit bösen Geistern in Kontakt zu stehen. „Die sündigen Engel“ war lange ein geläufiger deutscher Titel der Oper. Doch wer ist hier sündig und wodurch? Die Musik gibt darauf keine Antworten. Sie steigert mit kaltem Hauch nur das Gefühl des unheimlich Abgründigen: ein echtes Schauerstück.

Am Staatstheater Braunschweig hat Intendantin Dagmar Schlingmann, die an der hannoverschen Staatsoper zuletzt Henzes „Englische Katze“ auf die Bühne gebracht hat, sehr genau auf das Vage und Düstere der Partitur gelauscht und den Schauplatz ihrer Inszenierung nach und nach in eine Geisterbahn verwandelt. Sie erliegt nicht der nahe liegenden Versuchung, die Oper direkt als Missbrauchsgeschichte zu erzählen, und die Versehrungen auf die Bühne zu bringen, die (sexuelle) Gewalt an Kindern auslöst.

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Kinder lässt die Regisseurin sogar ganz aus dem Spiel: Bei ihr sind auch die beiden Geschwister mit erwachsenen Sängerinnen besetzt. Deren Spiele sind von Beginn an bitterer Ernst, so etwas wie Unschuld sucht man an diesem Abend vergebens. Immer größere Kuscheltieren demonstrieren stattdessen, wie nah das Niedliche am Monströsen liegen kann, und ein toter Dinosaurier gleich hinter dem Salon erinnert daran, wie urgewaltig die Vergangenheit auch in der Gegenwart wirken kann.

Die Gouvernante, die neu ins Haus kommt, wird so sehr schnell von einem tödlich-dunklen Sog erfasst. Sopranistin Inga-Britt Andersson verleiht dieser Hauptfigur viel Energie und Leuchtkraft. Matthias Stier (Quint) und Carolin Löffler (Mrs Grose) verstärken den guten Eindruck, den das Braunschweiger Ensemble hier macht. Am Pult des Staatsorchesters hält Iván López Reynoso die Musik dazu jederzeit kaltblütig in der Schwebe. Ein herrlich düsterer, raffiniert übersinnlicher Britten-Abend.

Nächste Vorstellungen sind am 9. und 12. Februar sowie am 3. und 10. März im Staatstheater Braunschweig.

Von Stefan Arndt

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