Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Ein Herrenhäuser Forum zu Goethes „Faust“
Nachrichten Kultur Ein Herrenhäuser Forum zu Goethes „Faust“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:24 29.01.2019
Der Hannover-“Faust“: Probenfoto zu Peter Steins „Faust“-Marathon auf der Expo. Robert Hunger-Bühler (rechts) spielte den Mephistopheles.  Bruno Ganz (links) sollte ursprünglich den Faust spielen, hatte sich aber während der Proben verletzt und musste absagen.
Der Hannover-“Faust“: Probenfoto zu Peter Steins „Faust“-Marathon auf der Expo. Robert Hunger-Bühler (rechts) spielte den Mephistopheles. Bruno Ganz (links) sollte ursprünglich den Faust spielen, hatte sich aber während der Proben verletzt und musste absagen. Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Mit Goethes „Faust“ ist es wie mit allen anderen großen Kunstwerken: Man wird eigentlich nie damit fertig. Auch der Autor selbst ist mit seinem Lebenswerk nicht fertig geworden. Von 1770 bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1832 hat er an dem Stoff gearbeitet. Am Ende hat er das Manuskript versiegelt, damit Schluss ist mit all den Korrekturen, Ergänzungen und Überarbeitungen – dann hat er es doch wieder geöffnet und ein paar Szenen weiter ausgearbeitet.

Warum geht von Goethes „Faust“ eine so große Faszination aus? Das war die Frage des Herrenhäuser Forums für Zeitgeschehen. Die „Faust“-Experten auf dem Podium (die Literaturwissenschaftler Anne Bohnenkamp-Renken, Carsten Rohde und Jörg Wesche sowie der Theologe Peter Maria Hofmann) waren sich einig: Die Faszination des „Faust“ hat auch etwas mit der langen Entstehungsgeschichte zu tun. Goethe habe das Manuskript jeweils der Zeit und seinem sich wandelnden Erfahrungsstand angepasst, sagte Bohnenkamp-Renken.

Sie stellte ein Projekt vor, mit dessen Hilfe die Leser diese Überschreibungen leicht nachvollziehen können: die im vergangenen Jahr erschienene historisch-kritische „Faust“-Edition, ein Hybrid aus Buch und Internetangebot. Im Internet eröffnet sich unter http://www.faustedition.net ein faszinierender „Faust“-Kosmos. Mühelos kann man hier durch den Text spazieren und unterschiedliche Fassungen miteinander vergleichen. Etwa in der Szene, als Faust mit dem Pudel an seiner Seite nach dem Osterspaziergang ins Studierzimmer zurückkehrt. „An der Schwelle was schnoperst du hier?“ sagt Faust zum Pudel. Goethe war sich mit dem Verb offenbar nicht ganz sicher. In anderen Fassungen fragt Faust „was schnoberst“ oder „was schnopperst du“. Interessant.

Andere Eingriffe sind schwerwiegender und sagen mehr über Goethes Arbeitsweise aus. Aber man findet eben auch solche kuriosen Kleinigkeiten. Die Faustedition im Netz bietet auch Faksimiles der Handschrift. Die ist nicht immer von Goethe. Fährt man mit dem Cursor über die Zeilen, tauchen Hinweise wie „John, Tinte“, oder „Goethe, Bleistift“ auf – so erfährt man, wer was wie geschrieben hat. Klar: Goethe war bei seinem „Faust“ nicht allein, er hatte Schreiber, die ihm zuarbeiteten. Und wer Schwierigkeiten mit der Schrift hat, kann sich über Überblendungen der Schrift mit moderner Druckschrift freuen.

Wird das Studium der Literaturwissenschaft mit solchen Hilfestellungen zu einem Kinderspiel? Wohl nicht. Schließlich sind immer noch Interpretationen von Texten gefragt. Da gibt es beim „Faust“ eine Vielzahl von Möglichkeiten. Bohnenkamp-Renken deutete eine Richtung an: „Goethes Korrekturen dienten oft dazu, das Verfahren der wiederholten Spiegelungen auszubauen.“ Diskutiert wurde darüber nicht. Auch ein Streitgespräch über Goethes „Faust“ kam nicht zustande. Wie auch? Das Werk lässt viele Deutungen zu. Man wird eigentlich nie fertig damit.

Am 5. Februar widmet sich die Leopoldina Lecture um 20 Uhr im Schloss Herrenhausen dem Thema Fortpflanzungsmedizin.

Von Ronald Meyer-Arlt