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Kultur „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ begeistert das Publikum im Schauspiel Hannover
Nachrichten Kultur „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ begeistert das Publikum im Schauspiel Hannover
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01:15 21.01.2019
Auf zu neuen Opfern: Sebastian Weiss über Emma Rönnebeck, Philippe Goos mit Göring-Wampe – und darüber in der Videoprojektion Katja Gaudard als Arturo Ui. Quelle: Foto: Isabel Machado Rios
Hannover

Verdammte Zeiten! Verdammte Zeiten! Verdammte Zeiten!“ Die Akteure wiederholen die Worte in anschwellendem Chor, mal simultan, mal versetzt, erst gesprochen, dann gesungen und geschrieen, bis hinauf zu schrillem Diskant. So „verdammt“ sind die Zeiten der Grünzeughändler, weil ihr Karfioltrust in der Krise steckt, Geld vom Staat braucht, kein Schutzgeld an den Gangster Ui zahlen will. Der tritt gnomenhaft wie Gollum, doch machtbewusst und mit schnarrender Stimme zwischen die Händler – wird aber, mit lautstarkem Brüllen, Stößen und Tritten in den Bühnenhintergrund vertrieben, wo er dann, grimmigen Blicks, kauert. Während die Händler sich gemütlich auf ihren Stühlen räkeln und mit „Waldeslust“-Gesang ihr Spießerglück besingen.

Rasant, artistisch, akrobatisch

Was für eine Eröffnung! Die erste Szene lässt gleich ahnen, was diese Inszenierung von Bertolt BrechtsArturo Ui“ zu bieten hat: ein Vokalensemble, das souverän zwischen klarem Wohlklang und kalkulierter Kakophonie zu wechseln weiß (Leitung: Florian Lohmann). Eine zwischen Börse, Karfiolkontor und Wirtshaus changierende Guckkastenbühne mit variablen Seiten und einer Rückfront für Videoprojektionen, die zuweilen das Kammerspiel auf der noch dahinterliegenden kleineren Bühne zeigen (Bühnenbild: Andreas Auerbach). Besonders aber beeindruckt das rasante, teils artistische Spiel der Akteure, vor allem von der Hannover leider zum Ende der Spielzeit verlassenden Katja Gaudard als Titelfigur.

Männer machen Geschichte? Es ist einer der Glücksgriffe von Regisseurin Claudia Bauer, dass die beiden stärksten Rollen von Frauen gespielt werden - neben Gaudards Ui der Dogsborough von Emma Rönnebeck. Die überragt die zierliche Katja Gaudard an Länge, was sie mit High Heels noch unterstreicht, sie kann den Dogsborough jedoch auch gebeugt und verlegen spielen, indem sie auf umgeknickten Absätzen umherschlurft, was ebenso unterhaltsam wie akrobatisch ist. Und der bärtige Philipp Kronenberg, der anfangs als Gemüsehändler einen Auftritt zwischen Breakdance und Hip Hop hinlegt, gibt später Betty Dullfeet als Conchita-Wurst-Verschnitt. Stark sind auch Günther Harder, Philippe Goos und Sebastian Weiß als Ernesto Roma, Emanuele Giri und Giuseppe Givola. Gemeint hat Brecht damit Ernst Röhm, Hermann Göring und Joseph Goebbels – die Gefolgsleute Hitlers, um den es im „Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“ bekanntlich geht. Was die Kostüme (Patricia Talacko) nach der Pause noch verdeutlichen – mit SA-Farben für die Schutzgelderpressebande, überdicken Knickerbockern für Ui, einem Schmerbauch für Giri und einem Klumpfuß für Givola.

Die italianisierenden Namen deuten indes darauf hin, dass es hier nicht bloß um Hitlers Weg zu Macht und Krieg geht, nicht nur um eine Parodie, sondern auch um eine Parabel: Die ersten Impulse zum Ui-Stoff hat Brecht in New York aufgenommen, als er dort 1935 die „Mutter“ inszenierte und nebenbei mit Hanns Eisler Film-noir-Gangsterfilme guckte und Material über den Schutzgelderpresser Al Capone sammelte. Für Brecht war der Mafiaboss ein Beispiel dafür, dass Kriminalität und Kapitalismus bestens zusammenpassen und sich für dieses Zusammenspiel auch „alte, ehrliche“ Gestalten hergeben wie im Stück das Hindenburg-Pendant Dogsborough. Dem kauert sich Gaudards Ui anfangs scheinbar ängstlich auf den Arm, am Ende lässt ein hochfahrendes Podest ihn zur übermannshohen Machtfigur aufsteigen.

Was bleibt

Kapitalismus führt zu Faschismus? „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“, lauten die letzten Worte des erst zwei Jahre nach Brechts Tod 1958 in Stuttgart uraufgeführten Stücks, eine Mahnung, die dem Publikum in Hannover erspart bleibt. Es wäre, trotz neuem Nationalismus und rechter Umtriebe in Deutschland und anderswo, auch eine ziemlich abstrakte Kritik. Was bleibt, ist aber Brechts scharfe Analyse, wie Politiker korrumpierbar sind, wie Mangel an Zivilcourage ins Abseits und Missetat zur Macht führen kann.

Dafür, vor allem aber für die Rasanz und Kraft dieser Inszenierung gibt es bei der Premiere Jubel, Pfiffe und minutenlang Applaus. Wie energiegeladen mancher Akteur auch nach diesem (mit Pause) 160-minütigen Theaterabend noch ist, demonstriert Philipp Kronenberg, der seinem Schauspielerkollegen beim Abgang in die Kulisse kurz mal auf den Arm springt.

Nächste Aufführungen: 19. Januar (nur noch Restkarten), 23. Januar und 8. Februar, jeweils um 19.30 Uhr und am 17. Februar um 17 Uhr.

Von Daniel Alexander Schacht

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