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Kultur Kestnerschau: In der Marktkirche gibt es junge Kunst zu sehen
Nachrichten Kultur Kestnerschau: In der Marktkirche gibt es junge Kunst zu sehen
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01:15 30.09.2018
Zum Steinerheben: Jeppe Rohde setzt den Wagenheber an. Quelle: Filmstill
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Hannover

Diese Kunst ist nicht harmlos. Jeppe Rohde macht etwas sehr Verrücktes –und sehr Gefährliches. Mit einem hydraulischen Wagenheber hebt er tonnenschwere Felsblöcke so an, dass er unter ihnen eine Nachricht platzieren kann. Zum Ablegen der Nachricht zwängt er sich mit dem Oberkörper in den Spalt zwischen Fels und Grund. Wenn der Wagenheber jetzt abrutschen würde, wäre der Künstler Matsch.

Was das für eine Nachricht ist, die er da unter den riesigen Findling schiebt, erfährt man nicht. In dem Video ist nur zu sehen, wie der Stein Millimeter für Millimeter emporgehoben und nach dem Platzieren der Nachricht rasch wieder abgesenkt wird. Am Ende ist die Gegend („Verdens Ende“ an der Südspitze der norwegischen Insel Tjøme), genauso wie vorher. Die Videoarbeit lädt zum Nachdenken über Leben, Sterben, Geheimnis und Ewigkeit ein –und passt daher gut in den Kirchenraum.

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Kunst in der Kirche: Die Marktkirche präsentiert in der „Kestnerschau“ spannende Arbeiten junger Künstler

Hannovers Marktkirche öffnet sich gern der Kunst. Manchmal gibt es dabei auch Streit – wie gerade in der Frage, ob der bekannte Maler Markus Lüpertz im Auftrag des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder ein Glasfenster für die Kirche gestalten soll, auf dem recht viele Fliegen zu sehen sein werden. In der neuen Kunstaktion geht es nicht um alte, sondern um spannende junge Kunst. Denn die Kirche ist Ort der „Kestnerschau“.

Seit 2007 gibt es diese Kooperation zwischen Marktkirche und Kestnergesellschaft. Das hat Vorteile für beide Seiten: Die Kestnergesellschaft gibt jungen Kuratoren die Möglichkeiten, erste Erfahrungen zu sammeln und Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann freut sich, dass so vermehrt junge Menschen in die Kirche kommen.

Ein Traum am Boden

Zehn junge Künstler Künstlerinnen und Künstler sind bei der neuen Kestnerschau dabei. Die Kestner-Kuratoren haben sie an Kunsthochschulen in Braunschweig, Hamburg und Düsseldorf aufgespürt. Dem Motto der Ausstellung „Look Down or Contemplate“ kommt Lucila Pacheco Dehne besonders nah. Die Künstlerin hat „Schlittschuhsocken“ auf den Boden neben einer Säule gestellt. Hier kollidiert das Weiche mit dem Harten, Bewegung mit Stillstand, Wärme mit Kälte, es ist, als läge ein wundersamer Traum hier am Boden. Großartig ist auch das Chorprojekt von Mona Hermann. Sie hat den Sängern des Norddeutschen Figuralchors grüne Kopfhörer verpasst, so dass die Sänger einander nicht mehr hören können. Eine schöne Studie zur Vereinzelung.

Das Einzelne steht auch im Zentrum von Hayato Mitzutanis Arbeit „1 g of salt“. Er hat die Körner einer Salzpackung einzeln gelegt und durchnummeriert. Ins ganz Große zielt dagegen Max Jeromins voluminöser Dachstuhl, den er im Kirchenraum aufgebaut hat. Das Dach ist offen. Ob das die Wirksamkeit von Gebeten erhöht? Großformatige Kunst jedenfalls vermag den Kirchenraum nicht zu sprengen. Das gelingt eher den kleinen Arbeiten. Oder den gefährlichen.

Von Ronald Meyer-Arlt

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