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Kultur Eiji Oue dirigiert das Hochschulorchester
Nachrichten Kultur Eiji Oue dirigiert das Hochschulorchester
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12:17 16.11.2018
Eiji Oue dirigiert das Hochschulorchester..
Eiji Oue dirigiert das Hochschulorchester.. Quelle: Philipp Von Ditfurth
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Hannover

„1918! Musik im Zeichen der Katastrophe“ ist eine Konzertreihe überschrieben, mit der die Hochschule für Musik, Theater und Medien des Endes des Ersten Weltkriegs gedenkt: Das Hochschulorchester unter der Leitung von Eiji Oue widmete sich nun zwei sehr unterschiedlichen Werken dieser Zeit. Richard Strauss‘ Orchestersuite „Der Bürger als Edelmann“ und Strawinskys Ballettmusik „Le Sacre du Printemps“.

Ursprünglich war „Der Bürger als Edelmann“ der Versuch von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal Schauspiel und Musik zu einem gesamtheitlichen Bühnengeschehen zu vereinen. Allerdings erwies sich dieser Versuch als wenig erfolgreich, so dass die beiden Gattungen wieder getrennt und zu jeweils eigenen Werken ausgearbeitet wurden. Daher stammt ein Teil der Musik aus dem Jahr 1911, ein anderer Teil aus dem Jahr 1917. Strauss benutzt zum Teil Originalmusik aus der Bühnenmusik zu Molières Schauspiel von Jean Baptiste Lully, besetzt das Orchester auch in den Streichern solistisch und schafft stilistisch eine Art „Rosenkavalier“ im Kammerstil, neoklassizistisch und kammermusikalisch fein ausgearbeitet.

Wie bei Strauss nicht anders zu erwarten, verlangt die Partitur den Instrumentalisten auch spieltechnisch Höchstleistungen ab. Dies erledigten die Studierenden auf höchstem Niveau. Oue verstand es ganz wunderbar, seine jungen Musiker positiv zu motivieren. Sein oft sehr bildhaftes Dirigat blieb dennoch stets deutlich und rhythmisch klar wo dies nötig war. Er erschuf ein herrlich changierendes Klangbild, das treffend die morbide Brüchigkeit und der Zeit zum Klingen brachte.

Igor Strawinskys Ballettmusik „Le Sacre du Printemps“ steht für eine völlig andere Richtung in der Kunst der Zeit: Während Strauss die musikalischen Vorbilder erweitert, mischt und spiegelt, bricht Strawinsky radikal mit der Tradition. Rhythmus und Metrum werden zu zentralen, eigenständigen Parametern der musikalischen Struktur, wogegen die Melodik und die Form in den Hintergrund treten. Dieser radikale Paradigmenwechsel führte denn auch bei der Uraufführung in Paris im Jahr 1913 zu einem der größten Skandale der Musikgeschichte. Stellenweise wird das riesig besetzte Orchester zu einem einzigen großen Schlagzeug.

Hier war Eiji Oue ganz in seinem Element. Er ließ die Gegensätze brutal aufeinander prallen, ohne je die Kontrolle zu verlieren. Die teilweise archaische Rohheit der Musik war hörbar, ohne ins Barbarische abzugleiten. Oue erschuf mit dem Hochschulorchester klangliche Bilder von wunderbarer Klarheit und Dramatik, die jedem Profiorchester zur Ehre gereicht hätten. Die spieltechnische Qualitätbewegte sich auf höchstem Niveau.

Das Publikum im fast ausverkauften Saal belohnte die grandiose Leitung mit wohlverdientem, stürmischem Applaus.

Von Michael Meyer-Frerichs