Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Ein Abend mit Choreografien nach Edgar Allan Poe begeistern das Publikum in der Staatsoper
Nachrichten Kultur Ein Abend mit Choreografien nach Edgar Allan Poe begeistern das Publikum in der Staatsoper
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:49 20.01.2019
Präsenz und Präzision – das Ensemble der Staatsoper bei der jüngsten Premiere. Quelle: Foto: Gert Weigelt
Hannover

Sanftes Meeresrauschen ist zu hören. Warmes Licht umhüllt ein eng umschlungenes Liebespaar. Alles könnte so harmonisch sein, wenn nicht der Tod die Hand nach der jungen Frau (Chiara Pareo) ausgestreckt hätte. Mit letzter Kraft sucht sie Rettung in den Armen ihres Geliebten (Denis Piza). Doch dieser kann sie nicht beschützen vor dem unaufhaltsamen Ende. Die junge Frau sinkt schließlich leblos zu Boden. Im selben Moment tut sich im Hintergrund ein gleißend heller Lichtschacht in der Wand auf. Aus dem Spalt hervor zwängt sich der Tod höchstpersönlich. In Gestalt von Giada Zanotti im schwarz-samtenen Cat-Suit. Spinnenhaft, bedrohlich, aggressiv sind ihre Bewegungen. Die nächsten Opfer hat sie schon im Visier. Doch sie gewährt ihnen noch einen letzten Tanz. Zanotti zieht sich derweil zurück – nicht ohne dem Publikum im ausverkauften hannoverschen Opernhaus mit einem maliziösen Zwinkern zuzuwinken. Man kann es kaum erwarten, sie wieder auftreten zu sehen. Ihre Darbietung ist mörderisch gut. Und die Zuschauer sind der Po(e)esie dieses am Ende mit langanhaltendem Beifall bedachten Abends erlegen.

Hannovers Ballettchef Jörg Mannes hat für seine vorletzte Premiere an der Staatsoper zur Gruselstunde eingeladen und sich Verstärkung von Choreografenkollege Mauro Bigonzetti und Komponist Stefan Johannes Hanke geholt. Die zweiteilige Ballettvorstellung mit den am Wochenende uraufgeführten Stücken „Grotesque & Arabesque“ (Mannes) und „Nevermore“ (Bigonzetti) ist dem Meister der Schauergeschichten Edgar Allan Poe gewidmet. Der US-amerikanische Autor hat in der deutschen Bühnentanzszene offenbar gerade Hochkonjunktur: Im vergangenen Jahr setzte sich unter anderen Stephan Thoss am Nationaltheater Mannheim mit Poe auseinander. Doch nicht nur für den Tanz, auch für Kunst, Theater, Film und Musik war und ist Poe mit seinen abgründigen und atmosphärisch dichten Erzählungen eine schier unerschöpfliche Inspirationsquelle. Seine Figuren werden oft von obsessiven Gedanken gequält. Untote sind fester Bestandteil der bizarren Plots, ebenso wie das Thema Vergänglichkeit.

Mannes hat sich „Mit die Maske des roten Todes“ eine der berühmtesten Geschichten Poes als Vorlage für sein Tanzstück „Grotesque & Arabesque“ (benannt nach einer gleichnamigen Kurzgeschichtensammlung Poes) genommen. Im Mittelpunkt steht der adelige Prospero, verkörpert von Denis Piza, der sich zusammen mit anderen Reichen und Schönen auf einem herrschaftlichen Anwesen vor der unter dem gemeinen Volk wütenden Pest verschanzt und ausschweifende Bälle gibt. In sieben Räumen (unterschiedlich auf der Bühne dargestellt durch wechselndes Licht und Videoprojektion) findet die Party statt. Es ist ein Totentanz. Denn die Pest macht auch vor der Spaßgesellschaft nicht halt. Reihenweise fallen die Gäste ihr zum Opfer. Giada Zanotti als Tod legt mal sanft die Hand an, mal springt sie wie ein Raubtier auf ihre Opfer zu. Es ist ein schnelles Stück mit zackigen Übergängen und temporeichen Schrittfolgen. Das Ensemble zeigt sich in Höchstform. Zanotti und Piza, aber auch Lilit Hakobyan und Patrick Michael Doe bestechen durch ungemeine Präsenz und technische Präzision.

Komponist Hanke untermalt das Geschehen mit deutlicher Freude am Bizarren und Düsteren. Seine erste Auftragsarbeit fürs Ballett besticht durch phantasiereiche Arrangements, die immer wieder mit atonalen Einschüben gespickt sind: Da kreischen die Violinen und das Cello brummt, während der Einsatz von unterschiedlichem Schlagwerk an eine tickende Uhr oder ein wild pochendes Herz erinnert (musikalische Leitung: Valtteri Rauhalammi).

Bigonzetti wählt für seine Tanzversion von Poes populärem Gedicht „Der Rabe“ Musik von Mozart. Die Sinfonie in g-Moll erscheint ein wenig zu lieblich und beschwingt für die melancholische Story um einen um seine Geliebte Trauernden, der in einem Raben vor seinem Fenster einen Abgesandten aus dem Jenseits wähnt. Fragen nach einem Wiedersehen mit der Verblichenen beantwortet der Rabe stets mit „nimmermehr“. Wieder verkörpert Denis Piza die männliche Hauptperson. Seine Wandlungsfähigkeit an diesem Abend ist bemerkenswert: Die Rolle des eben noch starken und selbstbewussten Barons wechselt er mühelos mit der eines gebrochenen Mannes, der seinen Träumen und Sehnsüchten nachhängt, bis er daran kaputt geht und kraftlos zusammenbricht. Kraftlos? Nicht ganz. Seine Bauchmuskeln hat der am Boden liegende Piza dermaßen angespannt, dass Giada Zanotti auf Spitze darauf sekundenlang stehen kann. Das ist faszinierend – und auch ein bisschen unheimlich.

Nächste Vorstellung: 2. Februar, 19.30 Uhr. Karten unter www.oper-hannover.de

Zitat: „Diese erste Arbeit für Ballett war für mich ein Schritt in einen neuen Kosmos.“

Stefan Johannes Hanke

Komponist

Von Kerstin Hergt

Posse und Parabel, Gangsterstück mit Gesang, atonale Performance und artistische Auftritte voller Energie und Esprit: Das Schauspiel zeigt „Arturo Ui“ als Populismus gegen das Volk.

21.01.2019

Der Geiger Christian Tetzlaff seziert das Violinkonzert von Johannes Brahms bei der NDR Radiophilharmonie – und Dirigent Andrew Manze sorgt für Entspannung der britischen Art.

21.01.2019

Von Margitta Abels bis Meike Zopf: Die Ausstellung „Malerei!“ präsentiert 31 Künstlerinnen und Künstler an vier Ausstellungsorten in Hannover, Neustadt und Lehrte.

18.01.2019