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Kultur „Anti-Abschiebe-Industrie“ ist ein Unwort
Nachrichten Kultur „Anti-Abschiebe-Industrie“ ist ein Unwort
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13:16 15.01.2019
Nina Janich, Professorin für Germanistische Linguistik und Jurysprecherin, präsentiert das "Unwort des Jahres 2018". Quelle: Foto: Andreas Arnold/dpa
 

Die Kampagne will sensibilisieren. Aber möglicherweise führt sie auch zum Gegenteil: zu Abstumpfung, Unlust und Widerwillen. Das ist ja oft so, wenn Pädagogik im Spiel ist. Seit 1991 kürt eine unabhängige und ehrenamtlich arbeitende Jury von Sprachwissenschaftlern und Journalisten jedes Jahr einen Begriff zum „Unwort des Jahres“, der gegen das „Prinzip der Menschenwürde“ oder gegen „Prinzipien der Demokratie“ verstößt, weil er gesellschaftliche Gruppen diskriminiere oder „euphemistisch, verschleiernd oder gar irreführend“ sei.

Jetzt steht das „Unwort des Jahres“ 2018 fest. Es heißt heißt „Anti-Abschiebe-Industrie“. Im Wortschatz der meisten Menschen spielt es bisher keine Rolle. Der CSU-Politiker Alexander Dobrindt hatte den Begriff in einem Interview im Mai genutzt. Er hatte Klagen gegen die Abschiebung abgelehnter Asylbewerber als Sabotage des Rechtsstaats bezeichnet und von einer „Anti-Abschiebe-Industrie“ gesprochen.

Auf die Wahl seiner Dreiwortwendung zum „Unwort des Jahres“ reagierte Dobrindt gelassen. Der Begriff sei in einer „Debatte in der Sache“ gefallen, und Debatten bräuchten eben zugespitzte Begriffe. Für diesen Begriff sei er auch verklagt worden, sagte Dobrindt. Doch das Gericht habe die Klagen abgewiesen und bestätigt, dass weder eine „Schmähkritik“ vorliege noch eine persönliche Beleidigung.

Die Linguistik-Professorin Nina Janich, Sprecherin der Jury, die alljährlich das Unwort kürt, sagte, eine solche Äußerung von einem wichtigen Politiker einer Regierungspartei zeige, „wie sich der politische Diskurs sprachlich und in der Sache nach rechts verschoben hat und sich damit auch die Sagbarkeitsregeln in unserer Demokratie auf bedenkliche Weise verändern.“

Auch zwei weitere Begriffe waren in der engeren „Unwort“-Auswahl. Die Jury kritisierte den vom Tübinger Grünen-Oberbürgermeister Boris Palmer verwendeten Begriff „Menschenrechtsfundamentalismus“, um in der Diskussion um die Flüchtlingsrettung im Mittelmeer die politische Haltung anderer zu kritisieren. Auch der Begriff „Ankerzentrum“ für wurde kritisiert. Der Jury zufolge nutze er positive Assoziationen des Wortes Anker, verschleiere aber die komplizierten Prüfverfahren und die strikte Aufenthaltspflicht für Flüchtlinge in solchen Einrichtungen.

Für das Jahr 2016 fiel die Wahl auf „Volksverräter“, für 2017 auf „Alternative Fakten“. Davor waren es „Volksverräter“, „Gutmensch“, „Lügenpresse“, „Sozialtourismus“, „Opfer-Abo“, „Döner-Morde“, „alternativlos“ und „betriebsratsverseucht“. Das Wort „Unwort“ selbst stand noch nie zur Wahl.

Von Ronald Meyer-Arlt

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