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Kultur Johanna Wokalek liest Marcelle Sauvageot
Nachrichten Kultur Johanna Wokalek liest Marcelle Sauvageot
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15:13 28.11.2018
Vom Schmerz einer Verlassenen: Johanna Wokalek im Schauspiel Hannover.
Vom Schmerz einer Verlassenen: Johanna Wokalek im Schauspiel Hannover. Quelle: Karsten Knocke
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Hannover

Es waren nur fünf Worte, aber sie reichten aus, um ein Leben zu zerstören: „Ich heirate ... Unsere Freundschaft bleibt.“ Das hat der ehemals (und immer noch irgendwie) Geliebte seiner ehemals Geliebten geschrieben.

Sie versucht zu antworten. In ihren Briefen analysiert sie die Situation. Sie schreibt über sich, über ihn, über Gefühle, über das Verlassenwerden, über die Kränkung und über ihre Verzweiflung. Sie sucht die Schuld bei sich, bei ihm; sie blickt viel zurück und kaum nach vorn.

Es handelt sich um einen authentischen Text. Marcelle Sauvageot hat die Antworten auf den Trennungsbrief Ende 1930 während eines Aufenthalts in einem Sanatorium geschrieben. Vier Jahre später ist die Lehrerin im Alter von 33 Jahren an den Folgen ihrer Tuberkuloseerkrankung gestorben. Sie hat die Briefe an den früheren Geliebten nie abgeschickt.

„Fast ganz die Deine“

Nach ihrem Tod wurden sie in Frankreich veröffentlicht und machten Marcelle Sauvageot berühmt. 2005 erschien die Neuübersetzung der Briefe (von Claudia Kalscheuer) auf deutsch. Der Titel ist sehr treffend, weil er Nähe und Distanz wunderbar verbindet: „Fast ganz die Deine“.

Unter diesem Titel präsentiert die Schauspielerin Johanna Wokalek („Die Päpstin“) nun eine fast szenische Lesung des Briefromans im Schauspielhaus. Auf der Bühne: ein Flügel, ein Tisch mit einem Kaffeehausstuhl und eine Wasserflasche, die auf dem Boden steht. „Das ist hässlich“ sagt Johanna Wokalek, bevor sie zu lesen beginnt, und schafft die Wasserflasche zur Seite. Als dann nach der musikalischen Ouvertüre des Pianisten Jacques Ammon aus einem Besucherhandy die Telekom-Melodie durch den Saal düdelt, guckt die Wokalek so lange und so streng ins Publikum, dass man befürchten muss, sie würde die Lesung jetzt gleich abbrechen. Tut sie dann aber doch nicht.

Der Schmerz wütet

„Du findest mich lästig“, zitiert sie Marcelle Sauvageot. Sie sagt, dass sie „ein zerbrechliches Glück“ verlassen habe, um in das Sanatorium zu reisen. Und, geradezu prophetisch: „Ich hatte in diesen letzten Wochen ein wenig Freude erlebt; wahrscheinlich würde mich nun, zum Ausgleich, ein großes Leid erwarten.“ Später malt sie sich aus, wie die Andere, die jetzt an ihrer Stelle mit dem Geliebten zusammen ist, wohl sei.

Marcelle Sauvageots Text ist eine klare und kalte und selbstquälerische Analyse des Verlassenwerdens. Sehr genau beschreibt die Verlassene wie das am Anfang ist: „Das Zimmer dreht sich.“ Und ein Schmerz ist da, als würde einem jemand „ins Fleisch“ schneiden. Und dann die bangen Blicke in die Zukunft: „Man sieht die leidvollen Phasen voraus.“

Der Schmerz wütet, aber Sauvageot erträgt ihn ohne Weinerlichkeit. Und so liest auch Johanna Wokalek. Sie lässt nur ein geringes Beben der Stimme zu. Meist ist sie gefasst und spricht mit der Kälte einer Ethnologin, die etwas sehr Merkwürdiges beobachtet hat. Einmal schwingt sie sich sogar zu einem Lachen auf. Ab und zu richtet sie sich an der Lehne ihres Stuhls auf, macht sich groß und stark. Dann fällt sie wieder in sich zusammen.

Und wenn Jacques Ammon einen Walzer spielt, dann sitzt sie mit geöffnetem Mund daneben – wie versteinert. Das Publikum im Schauspielhaus war begeistert und spendete viel Beifall. Dabei lachte Johanna Wokalek – und sah plötzlich ganz anders aus.

Die nächste Prominentenlesung gibt es am 5. Dezember . Dann trägt der Schauspieler Sebastian Koch um 18.30 Uhr im Forum der NordLB am Friedrichswall begleitet vom Akkordeonspieler Vassily Dück weihnachtliche Texte von Joseph von Eichendorff bis Axel Hacke vor.

Von Ronald Meyer-Arlt