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Kultur Ferdinand von Schirach liest aus „Strafe“
Nachrichten Kultur Ferdinand von Schirach liest aus „Strafe“
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11:20 25.11.2018
Ferdinand von Schirach im Theater am Aegi. Quelle: Samantha Franson
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Hannover

Einer der letzten Sätze, die Ferdinand von Schirach im Theater am Aegi aus seinem neuen Buch „Strafe“ vorliest, schlägt den Bogen zurück zu seiner allerersten literarischen Veröffentlichung. Im Jahr 2009 präsentierte der Strafverteidiger im Band „Verbrechen“ Kurzgeschichten aus seinem juristischen Alltag. Im Jahr darauf folgten weitere in „Schuld“. Nun also „Strafe“. Die Trilogie sei damit abgeschlossen, sagt er. Und lässt seine Figur Richard in der Geschichte „Der Freund“ sagen: „Vielleicht hast Du Recht und es gibt kein Verbrechen und keine Schuld, aber es gibt eine Strafe.“

Er halte Lesungen für etwas merkwürdig, sagt von Schirach. Doch er beschwört das Band zwischen Autor und Leser. Es gehe darum, zu berühren, sich berühren zu lassen, wiederzuerkennen und zu zeigen, dass man nicht alleine sei. Er sagt diese Dinge inmitten einer streng inszenierten Bühnensituation mit einsamem Stehpult und konzentrierter Beleuchtung. Hinter der Bühne habe er gerade ein erstaunliches Schild gesehen, berichtet er. Darauf stehe: „Bei Feueralarm bitte weiterspielen.“ Ob die Anekdote stimmt, ist eigentlich unbedeutend.

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Es geht diesem Erzähler nicht um die Wahrheit von Details. Seine Geschichten sind exemplarisch. Seine Lesung ist zugleich Vorlesung und Verkündung eines Manifests. Bevor er aus seinem Buch vorträgt, arbeitet er sich am Prozess gegen den Philosophen Sokrates ab. Detail- und kenntnisreich hinterfragt er die These vom ersten Justizmord der Geschichte. Das habe nämlich auch Sokrates ausgemacht: So lange Fragen zu stellen, bis seine Gegenüber zugeben mussten, eigentlich nichts zu wissen.

„Verteidigen Sie sich vor Gericht nie philosophisch,“ rät von Schirach, „das geht immer schief.“ Sokrates habe mit seinen Fragen alle genervt, sagt er – und bekennt sich zu dessen Überzeugung von der Unmöglichkeit einer letztgültigen Wahrheit, kultiviert das Fragen mit dem Charisma des Strafverteidigers als literarische Methode. Er kommt dabei mit wenigen klaren Worten aus, mit präzisen Andeutungen und schillernden Skizzen. Die drei Geschichten, die er schließlich aus seinem Buch liest, fragen nach der Natur von Strafe, nach Objektivität und Bewertungssystemen. Es geht um Gewissen und Gewissheit, um Unausweichlichkeiten und Wendepunkte.

„Der Freund“, der letzte Text im Buch, handelt von der Selbstbestrafung eines alten Weggefährten. Sie sei sehr persönlich, sagt von Schirach und deutet darin den eigenen biografischen Einschnitt an, mit dem Schreiben begonnen zu haben. Er zieht eine fast bittere Bilanz: „Die Regeln sind immer ein wenig anders, aber die Fremdheit bleibt und die Einsamkeit und alles andere auch.“ Am Ende ist seine Lesung auch ein Plädoyer – dafür, sich auf die Komplexitäten des Lebens einzulassen, Unsicherheiten und das Ausbleiben von Antworten auszuhalten. Dafür, sich Würde zu bewahren und das aufrecht zu erhalten, was er „die strahlende Idee der Aufklärung“ nennt.

Am Donnerstag, 29. November, um 20 Uhr gastiert der Pianist Joja Wendt im Theater am Aegi.

Von Thomas Kaestle

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