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Kultur Frank Turner im Capitol
Nachrichten Kultur Frank Turner im Capitol
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10:55 12.11.2018
„Ich will, dass dies ein Punkkonzert wird“: Frank Turner im Capitol.
„Ich will, dass dies ein Punkkonzert wird“: Frank Turner im Capitol. Quelle: Christian Behrens
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Hannover

Frank Turner mag kein musikalisches Schubladendenken: „Ich finde diesen ganzen Definitionskram total überflüssig.“ Immerhin feiert er mit gerade einmal 36 Jahren sein 20-jähriges Live-Jubiläum, spielte mit seinen ersten Bands bereits erfolgreich Alternative Rock und Hardcore Punk, begann seine Solo-Karriere mit Folk und bringt mit den Musikern der Sleeping Souls seit einigen Jahren eine energiegeladene Mischung aus Rock, Pop, Folk und Punk auf die Bühne. Bei seinem längst ausverkauften Konzert im Capitol stellt er sein neues Album „Be More Kind“ vor.

Die Aufforderung zum Freundlichsein wird all die Punkfans, die Turner seinen kommerziellen Erfolg vorwerfen, kaum versöhnen. Dabei erfüllt sich für ihn Punk eben nicht in Rotzigkeit und rohen Klängen, sondern in der richtigen Haltung. „Ich will, dass dies ein Punkkonzert wird“, sagt er im Capitol. Und erklärt die Regeln: „Seid keine Idioten, gebt aufeinander acht – und steht nicht einfach rum, tanzt, singt mit!“ Am Ende des Konzertes konkretisiert er weiter: „Es geht darum, dass ihr eine Gemeinschaft geworden seid, in der jeder ein Teil der Musik ist.“

Es ist allerdings kein Zufall, dass die kollektive Seligkeit ausgerechnet in Turners Hit „Photosynthesis“ gipfelt. Dessen Refrain hat sich vielen eingebrannt: „I won’t sit down and I won’t shut up and most of all I will not grow up.” Tatsächlich sind Turners jugendlichem Charme fast alle im Saal bereitwillig erlegen. Sie spüren, dass er noch für seine Musik brennt, auch bei Konzert Nummer 2272, wie er stolz berichtet. Im Internet listet er alle Shows akribisch auf. Nummer 755 war seine erste in Hannover, im Dezember 2009 im Béi Chéz Heinz vor knapp 200 Besuchern.

Es war erst Turners zehntes Konzert in Deutschland und er war gerührt, festzustellen, dass die Fans bereits alle seine Texte mitsingen konnten. Zwei Jahre später füllte er die Faust-Sechzigerjahrehalle, in der er nach der Show im Gespräch mit Fans nicht mehr von diesen zu unterscheiden war – eben ein junger Mann im Kapuzenpullover ohne jede Allüren. Als er zuletzt vor fünf Jahren im Capitol spielte, hatte er seinen größten Auftritt bereits hinter sich: Bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in London spielte er vor 80000 Menschen im Stadion und über 30 Millionen vor den Fernsehgeräten.

Turner ist auf dem Boden geblieben, auch wenn ihn seine Landsleute gerne als britischen Springsteen sehen. Er steht selten still auf der Bühne, ist Animateur, Vortänzer und Dirigent zugleich. Beim ersten Song macht er klar, dass sein neues Album auch ein verzweifelt politisches ist – mit „1933“ warnt er vor der Wiederkehr des Faschismus. Beim zweiten taucht er bereits ab in den Fotograben, auf Tuchfühlung mit den Fans: „We're all caught in the blackout trying to feel our way out“, beschwört er die Gemeinschaft auf Zeit.

In den meisten Gesichtern bewegen sich die Lippen. Die alten Hits sind längst zu Hymnen der Freiheit und Unangepasstheit geworden, zwischen Trotz und Melancholie. „We're going nowhere slowly, but we're seeing all the sights”, brüllten die Fans schon vor neun Jahren im Béi Chéz Heiz. Während „Four Simple Words“ stürzt sich Turner dann in die Menge, lässt sich singend auf Händen tragen, tanzt mit einer jungen Frau und hüpft ausgelassen mit den Fans. Dazu singt er: „I want lust and love and a smattering of romance.” Überzeugender könnte er seine Lebenslust nicht illustrieren.

Am Dienstag, 13. November, um 20 Uhr spielt The Human League im Capitol.

Von Thomas Kaestle